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Tipps
für Angehörige
1.Version:
Stand Februar 2003
Mit der Tatsache, dass Du in die Emetophobie deines Verwandten/Bekannten
eingeweiht wurdest, hat man Dir ein großes Maß
an Vertrauen entgegengebracht, was Dich natürlich einerseits
als für Ihn sehr wichtigen Menschen auszeichnet andererseits
aber auch eine ganze Menge Verantwortung zuschiebt und Dich
vielleicht auch etwas ratlos macht.
Wir
haben uns bemüht aus Gesprächen mit anderen EmetophobikerInnen
eine Art Leitfaden zu erstellen, der Dich ein bisschen unterstützen
soll und ein bisschen Licht ins Gedankenchaos bringen soll.
Das Schwierige für Dich ist natürlich deine verzwickte
Lage: Einerseits sollst Du den Emo nicht mit Samthandschuhen
anfassen, oder anders behandeln als vorher... auf der anderen
Seite sollst Du aber Rücksicht nehmen. Das klingt nach
einer schwierigen Aufgabe! Aber gib nicht gleich auf! Der
Emo (das ist unser insider-Wort für EmetophobikerIn und
Emetophobie) tut es auch nicht. Er ist einen mutigen Schritt
nach vorne gegangen, in dem er Dich in sein Problem eingeweiht
hat. Auch er hat Angst vor Änderungen, die das mit sich
bringt. Also nehmt Euch bei der Hand und läuft den weiteren
Weg gemeinsam. Nur zusammen ist man stark! Um den Leitfaden
besser zu verstehen, solltest Du dir ersteinmal das Krankheitsbild
der Emetophobie genau durchlesen, vielleicht
erklären sich Dir dann schon viele Fragen.
| 1.) |
Ganz
wichtig ist es, den Emo ernst zu nehmen. In den meisten
Fällen ist er zu vertraut mit Aussagen wie „Ich
hab auch Angst vorm Kotzen“, oder „ Stell
Dich nicht so an, reiß Dich mal zusammen“.
Solch „gut gemeinte“ Ratschläge verletzten
den Emo, denn der Emo hat nicht eben „nur“
Angst oder benimmt sich daneben. Wenn der Emo fähig
wäre sich „einfach so zusammen zu reißen“
würde er dies tun! |
| 2.) |
Die
Tatsache, dass dein Bekannter/ Verwandter ein Emo ist,
bedeutet nicht, dass er dumm ist. Ihm ist durchaus bewusst,
dass seine Angst irrational ist und unangebracht. Die
Tatsache, dass er dennoch nicht gegen sie an kann macht
eben seine Krankheit aus. Tips wie „ Du müsstest
nur einmal kotzen um zu sehen wie harmlos das ist“
oder „ Reiss Dich mal zusammen“ lösen
in Emo-Kindern große Angst aus und das Gefühl
unnormal zu sein oder nicht geliebt zu werden, weil sie
anders sind. Erwachsene Emos hingegen fühlen sich
durch solche Aussagen „verarscht“, da Ihnen
durchaus bewusst ist, dass ihre Angst unangemessen ist. |
Übrigens: Wusstest Du, dass kaum ein Emo durchs Ebrechen
„geheilt“ wurde?
| 3.) |
Oft
vergessen Angehörige, dass die Emo keine Krankheit
ist, die hin und wieder mal zum Vorschein kommt. Emo
ist immer da, selbst wenn es dem Emo verhältnismäßig
gut geht und/oder man es ihm nicht anmerkt. Zu glauben,
dass die Emo gerade eine Pause macht, weil der Emo-Kumpel
sich mit in die Disco oder zum Geschäftsessen bequemt
hat, ist ein Trugschluss. Viel mehr bedeutet das, das
er eine starke Phase hat, in der er bewusst gegen seine
Emo angeht und versucht mit seiner Panik parat zu kommen.
Eine perfekte Gelegenheit für Dich ihn zu fordern
und aus den eigenen vier Wänden raus zu locken! |
| 4.) |
Besonders
wichtig für Euch beide ist es, dass ihr miteinander
über Eure Gefühle und Ängste redet, nur
so habt ihr die Chance Euch gegenseitig zu verstehen und
Ängste abzubauen, die evtl. nun zwischen Euch stehen.
Vielleicht hast Du zum Beispiel nie verstanden, warum
Dein Emo-Kumpel nie mit Dir was Essen geht. Und er hingegen
hatte jedes mal Panik, weil Du nach dem Essen gewohnheitsgemäß
sagst „ Boah, bin ich voll, mir ist richtig schlecht“,
da er nicht verstanden hat, dass Du lediglich voll bist
und nicht gleich lospucken musst. Das wäre nämlich
ein weiterer wichtiger Punkt: Überlege Dir, was Du
sagst! Bemerkungen wie „Mir ist schlecht“
oder „Wah, bin ich voll gefressen...“ o.Ä.
rufen im Emos meist akute Panik hervor. |
| 5.) |
Häufig
haben Emos große Schwierigkeiten mit und vor anderen
zu essen, da sie für gewöhnlich sehr seltsame
Essgewohnheiten haben. Manchmal sieht es für den
Betrachter aus, als spielen sie die ganze Zeit mit ihrem
Essen rum. De facto inspizieren sie z.B. ihr Fleisch genau,
um festzustellen ob es auch wirklich gut durchgebraten
ist (Gefahr von Salmonellen), oder auf Schimmel oder sonstige
Unreinheiten. Einige verweigern auch bestimmte für
Salmonellen anfällige Lebensmittel komplett, also
z.B. Mayonaise, Eier, Fleisch, Fisch, Eis ... usw. Wieder
andere Emos essen nur ganz geringe Portionen, aus der
Angst heraus sich zu überessen und in Folge dessen
zu spucken. Sie haben häufig über die Jahre
eine Essblockade entwickelt und können wirklich keine
größeren Portionen mehr essen, selbst wenn
nur noch eine kleine Kartoffel oder 3 Nudeln auf dem Teller
liegen, die Du dir locker noch reindrücken würdest.
Der Emo hört tagtäglich Bemerkungen und Kommentare
zu seinem abnormen Essverhalten, oder Vermutungen wie,
dass er an Bulimie(!) oder Magersucht leide.. Kommentare
wie „ Wenn du so wenig isst wird ja nie was aus
Dir“ oder „ Das bisschen wirst Du ja wohl
noch schaffen“ gehen ihm wahrscheinlich mittlerweile
schon arg auf den Keks. Amüsier Dich lieber gemeinsam
mit ihm darüber, dass ausgerechnet diese eine Nudel
echt nicht mehr rein geht ! |
| 6.) |
Oft
ist es so, dass Emos auf Außenstehende komisch wirken:
Häufig legen sie seltsame unangemessene Verhaltensweisen
an den Tag. Wenn sie zum Beispiel eher träge Menschen
sind, kann der Anflug einer Panikattacke (z.B. ausgelöst
durch ein „mir ist schlecht“ von einem Kollegen
oder wem anderen) ihn ganz schnell zu einem Hochleistungsmenschen
mutieren lassen. Ad hoc bietet er sie sich an für
die ganze Abteilung was zu kopieren, oder geht zum Zigarettenautomaten,
obwohl er dort gerade erst herkam. Ebenso hat er evtl.
komisch wirkende Rituale zur Bekämpfung seiner Panikattacken
entwickelt, wie z.B. nervöses Auf- und Ablaufen,
die Haare zwischen den Fingern drehen, seine Fingernägel
in die Handflächen pressen, oder einfach so loszusingen
oder zu lachen (um evtl. Geräusche zu übertönen)
oder anderes, was auf den Außenstehenden evtl. komisch
wirkt. Diese Bekämpfungsrituale der Panik sind für
den Emo wichtig, da sie den einzigen Halt in einer Panikattacke
bieten. |
| 7.) |
Frag
den Emo einfach, wie Du dich in einer Paniksituation verhalten
sollst. Viele Emos mögen es nicht wenn man sie anfasst
während akuter Panik, andere hingegen wünschen
es sich. Klärung bringt nur Nachfragen! Versuch grundsätzlich
nichts was der Emo in einer Panikattacke macht auf Dich
zu beziehen, auch wenn er Dich mal anschreien sollte o.ä.
Oft braucht er auch einfach nur Freiheiten und den Raum
sich zurück zu ziehen, also z.B. die Möglichkeit
auf der Couch zu schlafen, wenn Du einen Magendarmvirus
hast. Und ein Wort im Vertrauen: Wenn Du dich wirklich
schlecht fühlst ist es garantiert angenehmer und
erholsamer, wenn der Emo weit weg und nicht in Deiner
Nähe ist! |
| 8.) |
Leider
gibt es kein Rezept um die Emo zu ändern oder gar
zu heilen. Dennoch kannst Du deinem Emo helfen, in dem
du ihm hilfst mit der Phobophobie besser umgehen zu lernen.
Die Angsterwartung kannst Du enorm beeinflussen durch
dein Verhalten als Verbündeter. Z.B. durch die Tatsache,
dass der Emo weiß, er kann Dich im Ernstfall um
ausgefallene Sachen bitten, ohne dass du ihn auslachst,
als Spinner bezeichnest oder - vielleicht sogar mit positiver
Absicht- versehentlich zu etwas drängst was er absolut
nicht möchte, z.B. ihn davon überzeugen, dass
es total hirnrissig ist nachts 3 km heim zu laufen, nur
weil ein Besoffener im Auto mit fahren will. Das Wissen,
dass er Dir vertrauen kann, und Du ihn verstehst ohne
auszulachen ist für den Emo sehr wichtig und bietet
ihm einen wichtigen Halt! |
| 9.) |
Du
bist kein Therapeut oder Experte! Unternimm keine Therapie
im Alleingang, in dem du versuchst den Emo zu heilen!
Sei ihm ein Freund, der ihn im Alltag unterstützt,
auf den er sich verlassen kann und wo er sich sicher fühlt,
versuche aber nicht durch irgendwelche waghalsigen Pläne
zu versuchen seine Emo zu heilen! Im Gegenzug lass Dich
auch nicht von dem Emo dazu drängen die Rolle seines
Therapeuten zu übernehmen oder die des Menschen der
ihm jegliches Problem aus dem Weg schaufeln soll!
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| 10.) |
Bitte
unterzieh den Emo nie einer Zwangskonfrontation! Wie das
Wort schon sagt zwingst Du ihn damit zu etwas, was er
selbst (noch) nicht möchte. Das richtet mehr Schaden
als, als dass es helfen würde und bricht zudem das
Vertrauen zwischen dem Emo und Dir. Hintergehe den Emo
nicht, indem Du irgendwie mutwillig versuchst ihn mit
dem Erbrechen zu konfrontieren oder versuchst ihn dazu
zu drängen! Damit zerstörst Du jegliche Vertrauensbasis
zwischen Euch! Was Du natürlich machen kannst ist
sachlich mit dem Emo über Konfrontation reden, ihn
fragen, was er davon hält, ob er mal darüber
nachgedacht hat usw. |
Übrigens:
Wusstest Du, dass jeder Emo hat in seinem Leben bereits über
Konfrontation nachgedacht hat? Selbst Emo-Kinder denken darüber
nach „was wäre, wenn...“.
| 11.) |
Nun
könnte man natürlich meinen Emos seien „rohe
Eier“. Aber genauso wie der Emo das rohe Ei verabscheut,
verabscheut er auch selbst eins zu sein. Du kannst hier
einen wichtigen Beitrag leisten, indem du einfach den
Emo immer wieder forderst und mit vor die Tür nimmst,
ihm einen Halt bietest und Vertrauen, ohne ihn zu etwas
zu Drängen oder Absagen persönlich zu nehmen.
DU bist wichtig für den Emo, als Mensch und als Person!
Ein Emo überlegt sich 10 mal, wem er sich anvertraut.
Er hat DICH ausgewählt, auch wenn es für Dich
etwas chaotisch sein sollte, stecke den Kopf nicht in
den Sand! Vergiss genauso wenig nicht Dich selbst indem
du nun dem Emo alle Aufgaben abnimmst damit er sich nicht
vor die trauen muss. Das dient Euch beiden nicht. Versucht
einfach ein normales Leben anzustreben, in dem man halt
ehrlich sagen kann wovor man Angst hat. Das soll nicht
heißen, dass man deswegen gar nichts mehr tut! |
Bei
Fragen, Kritik, Anmerkungen oder akuter Totalverzweiflung darfst
Du uns gerne unter der E-Mailadresse
Anschreiben oder einen Eintrag in unserem Forum
hinterlassen! Auch Deine Erfahrungen als Angehöriger/Bekannter
darfst Du uns gerne mitteilen. Ohne das Feedback von Außen,
von Angehörigen wie Dir, fällt es uns schwer Hemmschwellen,
Ängste, Probleme u.ä. abzubauen. Denn so absurd es
klingt, ein „Normalo“ ist dem Emo genauso fremd
und unverständlich wie andersrum, da jeder seine eigene
Weltsicht hat. Viel
Erfolg !
©
by S.Veit |
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