Studium, Umzug und die Emo

Zwischenmenschliches, Schwierigkeiten durch Schule oder Arbeit, eigene Macken und die Suche nach Gemeinsamkeiten, lustige Situationen oder auch mal unangenehme... - das alles ist genau hier richtig!

Moderatoren: Dianati, Basti, *

Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Angi am 11.07.2010, 11:41

Hallo ihr Lieben,

langsam ist es so weit: ich muss mich für eine Uni entscheiden. Ich möchte Geschichte und Politikwissenschaft studieren, zur Auswahl steht die LMU in München und die Uni Mannheim.
Es ist ein ganz neuer Lebensabschnitt und irgendwie macht mir das Angst.
Wenn ich mich für die LMU entscheide, werde ich weiterhin zuhause bleiben und die Chance verpassen an einer neuen herausforderung zu wachsen. Allerdings würde ich Freund eund Familie bestimmt schrecklich vermissen...
Mannheim kenn ich hingegen niemanden...Ich mach mir aber eig keine Sorgen Anschluss zu finden,
bin wirklich ein offener Mensch und knüpfe schnell Kontakte.
Jetzt mal zu meinem Problem: Wenn ich hier bleibe habe ich das Gefühl, dass ich weiterhin in meiner Seifenblase lebe, nicht selbstständig werde und mich emotechnisch nicht weiterentwickeln kann.
Andererseits hab ich auch die Befürchtung, dass ich es in Mannheim so ganz alleine wegen der Emo nicht durchstehen werde.
Aber ich kann deswegen doch nicht ewig daheim bleiben?!
Glaubt ihr das Wegziehen wäre eine Chance für mich oder eher eine Gefahr, dass es schlimmer wird und ich deswegen womöglich abbreche, weil ich nur noch nachhause will?
Habt ihr da Erfahrungen gemacht?
Wäre für jeden Rat und jede Erfahrung dankbar,
Angi
Er war intelligent genug, Angst zu spüren - hatte aber auch Haltung genug, sie zu bezwingen.
Fritz Wöss: Hunde wollt ihr ewig leben.
Angi

 
Beiträge: 33
Registriert: 11.04.2005, 21:13
Wohnort: München

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Geli am 11.07.2010, 22:40

Ich kann dir jetzt nicht ganz speziell antworten, also kann nicht sagen, ich war in derselben Situation. Ich kann dir nur aus Erfahrung sagen:

Eine Veränderung tut immer gut. Man ist abgelenkt, hat keinen mehr um sich rum auf den man sich verlassen kann. Ergo, man muss auch mal über seinen inneren Schweinehund gehen und merkt, dass es immer leichter geht.

Lass dir auf keinen Fall von der EMO irgendwas vorschreiben. Prüfe welche Uni besser ist, bessere Möglichkeiten hat usw. aber wähle die Uni NICHT nach EMO Kriterien aus, wer da um dich rum ist, wer auf dich Rücksicht nimmt etc. SOLLTE die UNI München die Bessere sein, ok. Du kannst hinterher auch nicht deine Arbeit nach EMO Kriterien auswählen, sondern musst auch schauen wo du besser verdienst, oder bessere Arbeitsmöglichkeiten hast usw.
Geli

Benutzeravatar
 
Beiträge: 1003
Registriert: 27.12.2005, 10:48
Wohnort: Kleines Örtchen in NRW

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Kinabalu am 12.07.2010, 12:36

Ich wüde an deiner stelle ne Pro-Conta liste aufstellen. Da schreibst du einfach alle Punkte die für oder gegen eine Uni Sprechen auf. Schreib auch Gefühle mit auf. Manchmal findet man ja zB ein gebäude schön und kann sich direkt vorstellen da eine gewisse Zeit zu verbringen..usw. da guckst du welche Uni die mehr überzeugt hat!
It ain't how hard you hit,
it's about how hard you can get hit, and keep moving forward
Kinabalu

Benutzeravatar
 
Beiträge: 1095
Registriert: 01.07.2009, 20:17

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Plumquatsch am 12.07.2010, 12:50

Also ich kann dich sehr gut verstehen. Mir würds ähnlich gehen wie dir.

Aber ich bin halt so ein Mensch ich "brauche" Familie und Freunde in der Nähe und für mich wäre es schwer vorstellbar weiter als 100 km oder so allein wegzuziehen...(wie weit ist mannheim von münchen entfernt? sicher auch ne Ecke oder?). Von daher ich würd auch nicht sagen das es bei mir (nur) mit der Emo zu tun hat. Man darf halt auch nicht immer ALLES auf Emo münzen, sondern muss auch nach seinen ALLGEMEINEN Bedürfnissen gehen und ich hab zwar so keine Probleme Anschluss zu finden, aber ich bin einfach nicht der Typ der allein irgendwo wohnt, wo meine Family z.b. nicht irgendwie in der Nähe ist. Bei mir ist es aber auch so z.b. ich bin kein großer Urlaubsfan...dachte anfangs immer , hat was mit emo zu tun, von wegen wenn ich ohne familie in urlaub weiter weg bin oder so...aber es ging mir selbst nicht gut wenn ich MIT familie weg war...hm....also länger als 10 tage meine ich.

Ich finde du solltest für dich rausfinden WAS deine wirklichen BEDÜRFNISSE sind. MÖCHTEST du gern weiter weg an die Uni nach Mannheim weil du dich freust diese Erfahrung zu machen und daran zu wachsen, oder möchtest du dahin um zu gucken wie weit du in der Emosache bist und um dir zu beweisen das du es kannst? Letzteres fänd ich als Grund nicht wirklich optimal wirklich dahin zu gehen.

Tja die Entscheidung kann dir leider keiner abnehmen. Aber ich würd auch sagen, selbst wenn du in München studieren solltest, du kannst trotzdem SELBSTSTÄNDIG sein, allein wohnen (oder in einer WG), etc....

Ich hoffe du findest für dich die richtige Entscheidung

Alles Liebe

Jen
!Angst ist die Herausforderung das Glück zu finden
Plumquatsch

 
Beiträge: 719
Registriert: 16.11.2007, 12:32

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon annukka am 12.07.2010, 16:56

ich finde dein vorhaben mutig und toll und glaube, dass es dir echt helfen kann, weil emetophobie ja auch immer etwas mit klammern, kontrollieren wollen zu tun hat. und du willst loslassen. das hört sich gut an.
bei mir hat ein weiter umzug in der pubertät mich aus allem rausgerissen, was mir wichtig war und sicherheit gab - und meine emo ist ausgebrochen wie nie zuvor. aber je nachdem, was dir im leben wichtig ist, all das wirkt sich auch psychisch auf dich aus. und wenn du dich vorbereitest, einen klaren kopf behältst und dich auf das konzentrierst, was dir wichtig ist, bleibt das sicher bei dir aus.
für mich war es ein schock und ich habe es auch nicht gewollt. bin mittlerweile sogar wieder zurückgezogen. es kommt bei mir also eher auf die tatsache an, dass ich gezwungen wurde, und dass ich mich damit überhaupt nicht anfreunden konnte. nicht mal die neue stadt behagte mir. es hätte keine schlimmere geben können, damals.
aber bei dir ist es eine freie entscheidung, es ist dein ding, dein projekt sozusagen, das dich wahrscheinlich weiterbringen wird. und du kannst dir ja mannheim und münchen mal ansehen, was dir besser behagt, nimmst du :) tipp: immer in kontakt mit den liebsten bleiben und in der neuen stadt aktiv nach freunden suchen, denen du vertrauen kannst (gemeinschaftsangebote der uni annehmen, uni-sport, hochschulgruppen, fachschaften, parties, etc...). dann wird das auch, vielleicht für immer ohne emetophobie.
annukka

Benutzeravatar
 
Beiträge: 66
Registriert: 05.01.2007, 06:02
Wohnort: NRW

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Thine am 12.07.2010, 17:48

Ich bin grad in einer ähnlichen Situation wie du. Allerdings schon zum zweiten Mal;) Ich bin vor drei Jahren von zu Hause ausgezogen (ca. 200km weit weg, also nicht sehr weit) und habe das nie bereut. Es ist so toll, sich nicht mehr für alles rechtfertigen zu müssen und sein eigenen Leben zu haben, in dem man selbst bestimmen darf, was man wann mit wem macht. Zwischenzeitlich habe ich mir sogar gewünscht, dass es noch weiter weg gewesen wäre. Meine Ausbildung ist jetzt um (Logopädin) und ich sitze hier grad vor meinen vielen Kisten voller Erinnerungen und bin etwas wehmütig. Ich will dieses Jahr auch mit einem Studium anfangen und bin trotz meiner positiven Erfahrungen genauso unsicher wie du. Ich weiß nicht, wo ich angenommen werde und keine Ahnung vielleicht schaff ich das auch nicht mit dem Studium. Ach, und meine Beziehung ist eigentlich auch im Arsch (was nichts mit der Entfernung zu tun hat, wir führen schon seit 4 Jahren eine Fernbeziehung). Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich meine Entscheidung nie von der Emo abhängig gemacht habe, sondern immer rein intuitiv je nach meinen Gefühlen entschieden habe. Bei der Logoschule hatte ich ein gutes Gefühl, obwohl es noch eine gab, die viel näher an meiner Heimat gewesen wäre und ich weiterhin zu Hause hätte wohnen können (ca. 50km). Ich hab das auch nicht bereut. Auch wenn ich mich grad nicht sehr gut fühle, weil mir jegliche Kontinuität fehlt und ich nicht genau weiß, was jetzt kommt, denke ich, dass ich es dieses Mal genauso machen werde. Ich entscheide nach Gefühl.
Thine

Benutzeravatar
 
Beiträge: 120
Registriert: 19.08.2006, 17:06

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon danseusenoire am 13.07.2010, 08:24

Ich entscheide nach Gefühl.


Glaub, das ist das beste, was man so machen kann. Ich bin vor zwei jahren aus der Wohnung meiner Ma ausgezogen und hab diesen Moment total herbeigesehnt. Mir gehts seither enorm viel besser - was die Emo angeht, aber auch so generell. Bin einfach froh, meine Ruhe haben zu können, dass ich eigenständig lebe und einfach Verantwortung für mich übernommen habe. Man lernt so vieles wenn man komplett auf sich gestellt ist und, obwohl das meist relativ harmlose Dinge sind, wirkt sich das (zumindest bei mir) auf das komplette Leben aus. Es ist schon was anderes, wenn man nicht immer die Familie um sich hat, die im Notfall einspringen kann. Man lernt, sich selbst zu helfen und kommt aus diesem Abschiebeverhalten in Bezug auf Unangenehmere Dinge heraus. ZB habe ich früher auch nie Spinnen rausgebracht oder Sachen repariert, oder mal was, was wirklich dreckig und eklig war sauber gemacht. All das mache ich jetzt und kann mir nicht mehr vorstellen, wie es war, das nicht zu tun. Ich wollte den Abstand und für mich war und ist es definitiv unheimlich gut. Horch in Dich hinein, was Du wirklich willst und entscheide dann auch eher intuitiv.
danseusenoire

Benutzeravatar
 
Beiträge: 580
Registriert: 31.01.2007, 13:40
Wohnort: göttingen

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Angi am 17.07.2010, 22:20

Vielen vielen Dank für eure vielen Antworten.
War die Woche aufm Land im Urlaub und hab deshalb nicht geantwortet.
Allerdings hat sich die Sache erledigt. Hab gestern erfahren, dass mein Vater sehr krank it und eine Chemo braucht. Jetzt will ich natürlich hier bleiben und ihm zur Seite stehen!
(Emo Karusell dreht sich seit dem wieder: Panik Panik Panik und deshalb komm ich mir so dumm vor.
Es ist doch so banal zu erbrechen im Gegensatz zu dem was mein Vater jetzt durchmachen muss :( )
Liebe Grüße
Er war intelligent genug, Angst zu spüren - hatte aber auch Haltung genug, sie zu bezwingen.
Fritz Wöss: Hunde wollt ihr ewig leben.
Angi

 
Beiträge: 33
Registriert: 11.04.2005, 21:13
Wohnort: München

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Schnuffel am 18.07.2010, 06:55

Hey,

ich wünsch deinem Vater viel Glück und auch viel Durchhaltevermögen, dass er es gut übersteht!

Angi hat geschrieben:(Emo Karusell dreht sich seit dem wieder: Panik Panik Panik und deshalb komm ich mir so dumm vor.
Es ist doch so banal zu erbrechen im Gegensatz zu dem was mein Vater jetzt durchmachen muss :( )


So darfst du nicht denken! Klar, die Emo ist jetzt nicht so lebensbedrohlich (außer bei Emos, die nichts mehr essen), aber es is auch nichts, dass man mal einfach so wegsteckt. Damit muss man auch lernen umzugehen und es kann einen auch sehr einschränken.

Alles Gute deinem Vater, aber auch dir, weil für Angehörige ist des auch nicht leicht, erst recht, wenn man zusätzlich mit eigenen Problemen umgehen muss!

LG, Alex
In jedem Menschen steckt auch ein kind, das raus will... :-)
Schnuffel

Benutzeravatar
 
Beiträge: 134
Registriert: 27.02.2009, 17:24
Wohnort: Kreis Esslingen

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Angi am 18.07.2010, 12:09

Danke Alex!

ich weiß, dass ich die Emo nicht einfach abschalten kann und nichts dafür kann, dass sie
genau jetzt so präsent wird. Aber trotzdem fühle ich mich schlecht deswegen.
Mein Vater spricht vom Sterben und weint, weil er denkt er kann nicht mehr erleben wie ich mein Studium beende und vll heiraten werde.
Und ich fang wieder an im Zimmer auf und ab zu laufen, weil ich ans Erbrechen denke...
Für mich ist das einfach falsch und hätte gern den Kopf frei, um mich nur auf ihn zu konzentrieren.
Aber das lässt mein Inneres nicht zu..
Er war intelligent genug, Angst zu spüren - hatte aber auch Haltung genug, sie zu bezwingen.
Fritz Wöss: Hunde wollt ihr ewig leben.
Angi

 
Beiträge: 33
Registriert: 11.04.2005, 21:13
Wohnort: München

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Pippilotta am 18.07.2010, 13:37

Das mit deinem Vater ist wirklich übel, und nach dem Lesen deines letzten Beitrags war ich hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, was zu schreiben und der Vermutung, bringt nicht viel, Angi scheint noch auf der "Emo-Erbrechen-Schiene" zu sein. Bis ich dann noch deine Antwort im Vorstellungsthread entdeckte, die zeigte, dass du doch hinter die Emo guckst. All das, was du dort schreibst, stimmt schon, aber du gehst da auf einzelne Teilaspekte ein, ohne den Überbegriff zu nennen: GEFÜHLE.

Das ursprüngliche Thema Studium/Umzug ist natürlich so eine typische Emosituation, in der es um mangelndes Selbstvertrauen geht, um die Angst, das Neue nicht zu packen, Bekanntes hinter dir lassen zu müssen, das dir ein Gefühl der Sicherheit und des Schutzes gab.

Die Krankheit deines Vaters hat ganz eigene Auswirkungen auf dich und deine Gefühle, und dass die Emo genau JETZT massiv auftritt, ist mehr als logisch. Du hast eine viel stärkere Angst als vor einem evtl. Umzug wegen deines Studiums. Da hättest du theoretisch jederzeit die Möglichkeit, umzukehren, wieder ins "Nest" zu flüchten oder was komplett anderes zu tun. Der Krebs hat andere Dimensionen, darauf hast du Null Einfluss, der macht hilflos, der konfrontiert dich mit deinen sämtlichen Gefühlen und mit einer unveränderbaren Realität. Mit all dem kannst du momentan nicht umgehen, verlierst den Boden unter den Füßen und suchst Halt. Den findest du gerade in der Ablenkung durch die Emo.

Ehrlich gesagt tendiere ich dazu, dass du das im Augenblick auch zulassen darfst, um die Wucht dieser neuen Situation ein wenig abzufedern. Mittelfristig solltest du aber schon im Auge behalten, dich deinen Gefühlen zu öffnen und sie in deinen Alltag aufzunehmen, damit du die Emo-Symptome nicht mehr benötigst, sondern andere Lösungen findest.

Wünsche dir viel Kraft!
Pippilotta

 
Beiträge: 542
Registriert: 13.04.2008, 20:00

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Angi am 20.07.2010, 22:43

Ich bin ganz deiner Meinung im Bezug auf die Emo-Ursachen, Pippilotta.
Und diese Gefühle übermannen mich gerade! Ich war dabei mich aus diesem Loch zuziehen in dem ich seit ein paar Monaten wieder sitze und fühle mich jetzt in ein noch tieferes hineingestürzt...
vllt wäre es auch in Ordnung die Emo erstmal zuzulassen, aber das will ich nicht.
Dann dreht sich nur alles im Kreis, so wie jetzt gerade. Die Sorgen kommen und mit ihnen Magenschmerzen und dann kommt die Emo und dann Übelkeit
und dann noch mehr Angst und immer so weiter.
Wenn ich nicht dagegen ankämpfe, dann dreht sich das immer weiter. Ich schlafe sehr schlecht und fühle mich seit Tagen krank.
Das muss aufhören!!!
Aber wie soll ich am besten anfangen? Wie du schon sagst, ich kann nichts an der Situation meines Vaters ändern, also muss ich einen anderen
Weg finden aus dieser Emo"hölle" auszubrechen.
Es kommt einfach alles aufeinmal. am 5.07 wurde meine Tante operiert, drei Tage später meine Oma (die mir sehr am Herzen liegt) und jetzt mein Pa. Zwei mit Gehirntumor. Sowas ist doch nicht normal?!
Ich weiß in Selbstmitleid versinken bringt nichts, aber ich komm nicht drumherum zu denken: WIESO AUSGERECHNET DIE? Wieso ich?
Er war intelligent genug, Angst zu spüren - hatte aber auch Haltung genug, sie zu bezwingen.
Fritz Wöss: Hunde wollt ihr ewig leben.
Angi

 
Beiträge: 33
Registriert: 11.04.2005, 21:13
Wohnort: München

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Pippilotta am 21.07.2010, 09:11

Ist echt blöd, und ich will mich auch nicht weiter zu den gerade gehäuft auftretenden Erkrankungen äußern, weil das mangels persönlicher Bekanntschaft nur leere Allgemeinfloskeln würden.

Also zu dir: warum nicht mal (kurzfristig) ein Selbstmitleidsvollbad nehmen? Sie tut weh, sie DARF wehtun, und ich würde behaupten, sie SOLL und MUSS sogar wehtun, die Angst, einen Menschen zu verlieren, der einem sehr nahesteht und die Sorge um ihn. Die Emo-Symptome sind letztlich ja nur eine "Umleitung", um den WIRKLICHEN Schmerz zu verdrängen; Magenschmerzen und Übelkeit sind irgendwie doch greifbarer, oder?

Du könntest mal versuchen, ob du deine GEFÜHLE einzeln spüren kannst, indem du z. B. die Angst vorm Verlust der dir wichtigen Menschen und deren potentielle Folgen für DICH trennst von der Sorge um deren Gesundheitszustand und den weiteren Fortgang für SIE und drittens von den Gefühlen, von denen du vermutest, dass SIE sie haben.

Dann könntest du gucken, welche deiner BEDÜRFNISSE durch die aktuelle Situation gefährdet sind, zu kurz kommen, nicht gestillt werden oder was auch immer.

Dadurch hättest du ein paar Anhaltspunkte, worauf du EINFLUSS hast, wo du AKTIV was tun oder verändern könntest, um Möglichkeiten zu finden, zumindest insoweit Wohlbefinden herzustellen. Nimmt ein wenig diesen hilf- und machtlosen "Momentan-läuft-ALLES-schief-Eindruck". :wink:
Pippilotta

 
Beiträge: 542
Registriert: 13.04.2008, 20:00

Re: Studium, Umzug und die Emo

Beitragvon Petrophaga lorioti am 30.07.2010, 21:19

hallo angi!

dein thread ist zwar schon ein paar wochen alt, hoffe du liest meinen post trotzdem. würde dir gerne ein bisschen was von dem was mir in den letzten 6 jahren passiert ist schreiben, vielleicht hilft es dir weiter.

mein papa hat vor 6 jahren krebs diagnostiziert bekommen. er hat eine chemo und eine weitere schwere therapie (interferon) bekommen. ich war damals 15. mein dad war einer von den paar glücklichen, die bei der chemo so gut wie keine nebenwirkungen haben, auch kein kotzen. schlecht war ihm schon, aber nur während er die infusionen bekommen hat - da war er immer 3 tage im krankenhaus. er hat einige haare verloren, sein bart ist von einen tag auf den anderen weiß geworden und er hat sich nach der chemo-infusion (die er 1 mal im monat bekommen hat) meistens ca eine woche lang gefühlt wie mit einem grippalen infekt.
so kann eine chemo abgehen, muss aber nicht. bedenke: wenn sich dein vater von der chemo übergeben muss, kannst du dich wenigstens nicht anstecken. falls sich die chemo auf seinen magen schlägt, wirst du dich wohl oder übel irgendwie daran gewöhnen müssen.

so eine lebensbedrohliche erkrankung ist - auch wenn es am anfang garnicht so scheint - für die ganze familie wie eine bombe. meine mutter hat das ganze überhaupt nicht gepackt. sie hat es eigentlich nurmehr geschafft, jeden tag in die arbeit zu gehen und meinen vater im krankenhaus zu besuchen. plötzlich keiner mehr da der den haushalt macht, sich um die großeltern kümmert... zusätzlich ist meine mutter dann noch jeden tag heulend daheim gesessen und hat mit dem schicksal gehadert (warum wir/ich/er?). das hat dann dazu geführt dass ich versucht hab alles zu machen was meine mutter nicht mehr gemacht hat und dazu noch ruhepol spielen musste (dafür wurde ich dann auchnoch als gefühlskalt bezeichnet).

dieser ganze prozess, diese rollen jedes familienmitglieds, die sich da aufgetan haben, wurden mir auch nicht von einen tag auf den anderen bewusst. es hat länger gedauert bis sich das herauskristallisiert hat. richtig verstanden was da mit mir passiert ist hab ich wohl erst als das ganze überstanden war.

mein schluss aus dem ganzen, den ich dir gerne als rat weitergeben würde: in so einer situation braucht jeder unmittelbar beteiligte unterstützung. das kann ein sehr einfühlsamer freund sein - aber für so jemanden ist das auch eine bürde bzw. weiß er nicht wie er sich verhalten soll und verhält sich evtl falsch. das kann auch ein pfarrer sein (mein vater hat im krankenhaus einmal in der woche mit einem pfarrer gerdet, er ist ein eher gläubiger mensch). aber wenn ich jetzt noch den faktor der emo dazuzähle, dann sollte das bei dir eigentlich wirklich ein psychologe sein. es ist keine schande sich in so einer situation hilfe zu holen. wenn du das nicht machst, kannst du - vorerst unbemerkt - in eine spirale hineinkommen, die dir jahre (wenn dein papa wieder ganz gesund ist) nachhängt.

so ist es mir passiert - da das bei mir eine total wichtige phase im leben war werd ich einige charakteriegenschaften die sich damals entwickelt haben wahrscheinlich mein leben lang nicht mehr losbekommen. ich bin nämlich durch das ganze so hart geworden, dass ich manchmal vor mir selber angst habe. ich konnte mehrere jahre nicht vor anderen menschen weinen. mittlerweile hat sich daraus in verbindung mit anderen situationen ein ziemlich massives psychosomatisches magen/darm problem entwickelt, zur emo dazu. mit meinen eltern komme ich zwar sehr gut aus, aber iegentlich hab ich ein gestörtes verhältnis zu beiden (zu meiner mutter weil sie sich so verhalten hat und zu meinem vater weil er einfach plötzlich nicht mehr der vater war den man in dem alter braucht - wofür er natürlich nichts kann). sehr schlimm für mich ist, dass ich eigentlich keine jugend hatte. mit 15 war ich noch mehr ein mädchen, die unbeschwerte teenagerzeit wo man auch mal dumme sachen machen kann gab es bei mir nicht. das tut doch immernoch weh.
im nachhinein gesehen war die krebserkrankung meines vaters das einschneidendste erlebnis in meinem leben - obwohl es absolut nicht danach ausgesehen hat als es angefangen hat. wie gesagt, es geht langsam und wenn du es realisierst hast du den schaden schon.

wünsche dir und deiner familie jedenfalls viel viel kraft. bitte denk immer daran, dass du so eine situation annehmen musst weil du sie nicht ändern kannst - aber du kannst alles tun um das bestmögliche daraus zu machen!!!
Petrophaga lorioti

 
Beiträge: 16
Registriert: 25.11.2009, 19:26


Zurück zu Alltag & Emetophobie

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste