seit ca 3 Jahren symptomfrei - eine Bilanz ;-)

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18 Dez 2017 02:35 #1 von Feldweg
Feldweg erstellte das Thema seit ca 3 Jahren symptomfrei - eine Bilanz ;-)
Hallo, Ihr Lieben,
einige kennen mich vielleicht noch aus früheren Zeiten hier im Forum. Ich musste mich zurückziehen irgendwann, weil der Punkt gekommen war, dass mich die permanente Beschäftigung mit der Emo eher im Fortkommen behinderte.

Nach der (inzwischen überstandener) Krebserkrankung meines Partners (9 Jahre zusammen und ab Mai18 verheiratet ;-) ) kam ich 2016/ 17 auf die Idee, eine Bilanz zu ziehen. Die Emo war mein Begleiter seit dem 4. Lebensjahr mit vielen vielen Randerfahrungen und mehrmals kurz vorm Absturz. In den schweren Krisen blieb mehrfach nur die (selbst gewünschte) Einweisung in eine Klinik, weil ich buchstäblich fürchtete, " überzuschnappen".

Ich bin symptomfrei - womit ich meine. die ANGST ist nicht mehr nötig. Ich somatisiere zwar noch immer hin und wieder mit Übelkeit - bei dem Erkennen des jeweiligen Zustandes bleibt es aber dann - sprich: keine Endlosschleifen mehr im Kopf.

Lange habe ich "dem Frieden nicht getraut" - war zeitweise erschrocken über das Ausbleiben der Angstspirale.
Ich bin nicht größenwahnsinnig. Ich weiß, dass mir das Muster erhalten bleiben wird, solange ich lebe, d.h. Achtsamkeit ist geboten, ein leben lang ;-) Mit "erhalten bleiben" meine ich, dass der weg zurück in die Emetophobie kein langer sein muss - das ist mir klar. Es war auch nie mein Ziel, die Angst vor Erbrechen zu BESEITIGEN. Und irgenwann habe ich verstanden, dass hier auch nichts "in den Griff zu bekommen" ist - sondern der Auftrag immer lautete: LOSLASSEN und ins Vertrauen gehen - zu allererst mir selbst gegenüber - vor allem MIT der Angst , aber eben auch OHNE (was gar nicht so leicht ist).
Mit der Chemotherapie meines Partners kam die Wende. Nicht, weil ich mich hier gezwungen sah, mich massiv auseinanderzusetzen - sondern weil diese schwere zeit mir ermöglichte, eine realistische Bestandsaufnahme vorzunehmen. ER hat es phantastisch gemacht, das ganze schlimme Jahr über. Und ich? Stand daneben, wie ein Fels - ohne mir das je "vorgenommen" zu haben.

Ich möchte Euch Mut machen. Ich war die Letzte, die bis vor einiger Zeit auch nur im Entferntesten daran zu glauben gewagt hat, dass eine "Heilung" möglich ist. Sie IST es .

Glaubt an Euch und nehmt an, was gerade ist - egal, wie unerträglich sich das anfühlt. Es kommen andere, bessere Zeiten.

herzliche Grüße

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01 Jan 2018 14:16 #2 von Kinabalu
Kinabalu antwortete auf das Thema: seit ca 3 Jahren symptomfrei - eine Bilanz ;-)
Hallo Feldweg,
ich erinnere mich noch gut an dich. Schön zu hören, dass es dir so gut geht :)

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16 Jan 2018 12:48 #3 von Whisker
Whisker antwortete auf das Thema: seit ca 3 Jahren symptomfrei - eine Bilanz ;-)
Hallo Feldweg,

ich bin ganz neu hier und gerade auf deinen Beitrag gestoßen. Mich würde interessieren, wie du dir erklärst, dass du nun so gut klar kommst. Hat es dir bei der Erkrankung deines Mannes einfach den "Hebel im Kopf" umgelegt oder musstest du dich so intensiv/oft konfrontieren, dass es schließlich durch die Gewöhnung besser wurde?

Ich leide auch schon mein Leben lang unter Emetophobie und leider wird es nicht besser trotz verschiedener Therapien, die mich ansonsten allerdings enorm vorangebracht haben. Aber diese Phobie sitzt so tief! Irgendwie werde ich auch immer öfter konfrontiert, mein Mann ist gerade anfällig für Infekte, mein Vater leidet an metastasiertem Darmkrebs, tja, bei jedem Krankenhausaufenthalt ausgerechnet die beiden (für mich) Horrorabteilungen Onkologie/Gastroenterologie und ich weiß nicht so recht, was ich noch machen soll, damit ich mich besser um ihn kümmern kann.

Danke und liebe Grüße
Whisker

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16 Jan 2018 14:11 #4 von Feldweg
Feldweg antwortete auf das Thema: seit ca 3 Jahren symptomfrei - eine Bilanz ;-)
Hi Whisker :-)

Gleich vorweg: es war und IST ein PROZESS - der niemals ganz "fertig" sein wird :-)
und ich kann Dir gern nochmal meine - ganz persönlichen - Erfahrungen darlegen - die aber um Gotteswillen nicht einfach auf Person xy umzulegen sind ;-)

ich beschreibe Dir den Weg jetzt ein bisschen plakativ - sprich "emotionslos", weil es sonst vermutlich zu weit ausufert - Du kannst aber gerne fragen, wenn etwas nicht verständlich ist.

1. Schritt - (und der Schwerste für mich) : ANERKENNEN, dass die Phobie DA IST und ihre Berechtigung hat (sonst wäre sie nicht da!)
2. Angst, Übelkeit, alle beklemmenden Gefühle und Gedanken, die mit der Symptomatik einhergehen ZULASSEN und lernen, sie als "HELFER" zu begreifen - und eben NICHT als FEIND
3. AUSHALTEN, dass es mir schlecht geht - und es dabei belassen - ohne dagegen zu kämpfen (mit Medis zum Bsp)
4. In der Phase des "Aushaltens" und der "Anerkennung, dessen, was IST" entwickelte sich ein ganz neues Selbstwertgefühl, ja - zum ersten mal eine liebevolle BEZIEHUNG zu mir selbst.
5. Loslösung meiner Befindlichkeiten vom Verhalten der "anderen" bzw. den "äusseren Umständen" - damit meine ich, völlig wurscht, was gerade passiert, wer schlechte Laune hat, oder wer mir gerade nicht wohlgesonnen ist ....... ICH entscheide, wie ich mich dabei FÜHLE - blöd kann ich äussere Umstände trotzdem finden!!!!!! - aber ich DARF entscheiden, ob ICH MICH "leiden lasse". In dieser Phase war die Symptomatik fast unerträglich. Aber ich wusste, wenn ich den Focus jetzt weg von mir nehme, komme ich NICHT voran.
6. WELCHER Teil in mir hat Angst, WELCHEM Teil in mir "ist zum kotzen" - und was BRAUCHT der verletzte, verängstigte Teil in mir ??? - ZUWENDUNG und Akteptanz ( DA - SEIN LASSEN)
7. nach ca 5 Jahren Therapie die ersten angst - freien Phasen. - dafür die Rückfälle umso härter. Keine Angst zu haben war NOCH bedrohlicher, als die Panik als permanenter Begleiter
8. aktive begleitete Einstellungsarbeit : " ..... es DARF mir gut gehen...." fühlte sich zunächst unmöglich und verlogen an.

Im Grunde ging es immer wieder um "Übernahme von Verantwortung" - auch und GERADE, wenn ich nicht pässlich oder "fit" war.
Durch stoisches Aushalten ging es darum, dem verletzten, gedemütigten Teil in mir immer wieder zu zeigen, dass ICH anders mit mir umgehen werde, als es die Eltern, Erzieher, Lehrer ..... wer auch immer - getan haben
Immer, wenn die angst hoch kroch, mir übel wurde, lernte ich das Symptom als eine Art "auftrag" zu verstehen, ganz nach dem Motto: ".... naaaaaa ? bleibst du dabei? hälst du mich bzw dich selbst aus - wo Deine früheren - teilweise frühkindlichen Erfahrungen doch auf kein positives Ereignis zurückgreifen können....." ? Und je öfter ich mich ganz bewusst FÜR die liebevolle Haltung entschieden habe - umso weniger terrorisierte mich die Symptomatik.

wie gesagt: die EMO war und ist NUR ein Symptom dafür, dass wo ganz anderes etwas nicht stimmt. Es ging NIE ums Erbrechen ansich. Dieses Thema hatte aber einen solchen Platz eingenommen, dass der Blick auf die EIGENTLICH zu bearbeitenden Themen versperrt war - komplett. In der Kindheit hatte die EMO sogar eine Schutzfunktion, denn genau diese Panik verhinderte, dass ich noch Kapazitäten frei hatte um mich mit den tatsächlichen Dramen zu beschäftigen.

Ich möchte deutlich sagen, dass nicht bei jedem eine Mehrfach - Traumatisierung - bei mir über Jahrzehnte - dahinter stehen muss!!!!!!!
Bei MIR war es so. Und mit jedem Schritt, den ich in MEIN Leben wagte (was voraussetzt, zunächst zu definieren, wer ich bin und wie ich leben möchte) - umso ÜBERFLÜSSIGER wurde die ANGST. Die EMO war sozusagen PLATZHALTER - ja - auch , um mich zu schützen damals.
Und ich bin über die therapeutische Arbeit mehr als an meine Grenzen gekommen :-( - es war keine "Gesprächsttherapie" sondern ein umfassendes Modell, welches Körperarbeit etc mit einbezieht. 10 Jahre lang.
Bin ich heute "frei" ? INNERLICH ja :-) Und ich bleibe in der Demut, dem gegangenen Weg gegenüber und der Anerkennung dessen, dass NICHTS "sicher" ist. Und ich ein Leben lang werde sehr achtsam sein müssen.
Ich bin auch heute noch in "Angstphasen" - aber diese fühlen sich anders an, nicht mehr so "KOPFLOS", nicht mehr so panisch

konnte ich Dir ein wenig weiter helfen?

LG
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17 Jan 2018 09:24 #5 von Whisker
Whisker antwortete auf das Thema: seit ca 3 Jahren symptomfrei - eine Bilanz ;-)
Liebe Feldweg,

herzlichen Dank für deine schnelle und ausführliche Antwort! Es ist immer so ermutigend zu hören, dass es doch Menschen gibt, die auf ihre eigene Art einen Weg in ein angstfreieres Leben finde! Und du bist auch mutig, dass du dich dem allem gestellt hast und so lange Zeit in Therapie warst, das alleine erfordert ja schon erstmal viel Kraft.

Ich habe neben einer Gesprächstherapie auch mal Traumatherapie mit EMDR gemacht, da war mir in jeder Sitzung fürchterlich schwindlig oder ich habe Schüttelfrost bekommen oder Schweißausbrüche, so heftig hat mein Körper darauf reagiert, was da innerlich geöffnet wurde. Aber danach waren die Panikattacken weg und sind seitdem nie wieder gekommen.
Die Emetophobie ist mir aber als ständiger Begleiter geblieben und leider im Laufe der Jahre eher schlimmer geworden, mir fallen immer wieder neue Gefahren ein und ohne das stärkte Händedesinfektionsmittel gehe ich nirgends hin...
Ich finde den Gedanken interessant, "Was wäre ich ohne diese Angst?"... Hm, das wäre auch komisch, einfach alles tun zu können, worauf ich Lust habe.

Ich bin noch nicht dahinter gekommen, wofür diese Angst bei mir steht. Ganz klar ein sehr starkes Kontrollbedürfnis und auch eine Angst von Menschen, ich ekele mich auch übermäßig vor Gerüchen und ähnlichem, was Menschen halt nun mal so an sich haben.

Interessant, dass du deine Traumatisierung erwähnst, ist bei mir auch der Fall (Missbrauch) und sicher hängt alles zusammen, auch wenn, finde ich, die Psyche zu komplex ist und sich zu sehr ihre eigenen Wege sucht, als dass man genau berechnen könnte, was genau wodurch ausgelöst wird.

Ich lebe sonst ein gutes und normales Leben, lebe ich einer stabilen Beziehung, habe gute Freunde, arbeite relativ viel. Die Angst ist irgendwie auch mein sicherer Ort, wo ich mein extremes Kontrollbedürfnis, meine Ablehnung anderen Menschen gegenüber, meine Zwanghaftigkeit auslebe. Und manchmal denke ich auch, zumindest solange ich keinen Weg finde, das zu ändern, lebe ich es vielleicht einfach für mich aus, ohne andere zu sehr damit zu belasten, und möchte es als natürliche Vielfalt verstanden wissen, dass ich durch diese Phobie in mancher Hinsicht ein bisschen "ver-rückt" oder anders bin. Keine Ahnung, ob das verständlich ist, es ist schwer in Worte zu fassen.

Liebe Grüße
Whisker

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