Nach 12 Wochen Klinik

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25 Mai 2017 14:42 #1 von Micha_Mausi
Micha_Mausi erstellte das Thema Nach 12 Wochen Klinik
Hallo ihr Lieben,
jetzt melde ich mich auch mal wieder. Ich habe jetzt 12 Wochen Klinik (davon 7 Wochen stationär und 5 Wochen Tagesklinik) hinter mir. Nächste Woche werde ich entlassen. Ich möchte nun nur kurz zusammenfassen (und hoffentlich einigen hier Mut machen), was mit mir in dieser Zeit passiert ist:

Ich entschloss mich in die Klinik zu gehen, weil leben für mich unmöglich war. Ich saß 24 Stunden nur in meinem Zimmer, konnte weder essen noch schlafen. Habe einen Waschzwang entwickelt. Meine Hände waren offen und blutig. Ich habe sie bis zu 50 mal am Tag gewaschen und immer wieder desinfiziert. Ich fiel in eine schwere depressive Episode, spielte jeden Tag mit Suizidgedanken....

Die erste Zeit in der Klinik war sehr hart. Ich musste mein Zimmer, und damit auch das Bad teilen. Anfangs jagte eine Panikattacke die nächste, denn ich wurde auch ständig ungewollt konfrontiert. Immer wieder musste sich jemand auf Station übergeben (wobei es nur 2x wirklich an MDG lag). Absoluter Horror. Anfangs verschlimmerte sich erstmal alles: Der Waschzwang wurde noch viel schlimmer, die Essproblematik und und und. Ich wurde medikamentös eingestellt, hatte aber anfangs natürlich Nebenwirkungen. Natürlich Durchfall. Jeden Tag, mehrmals. Das war schrecklich, nach jedem Gang zur Toilette brach ich zusammen, war mir sicher MDG zu haben. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, und der Durchfall wurde für mich immer normaler. Leider halten die Beschwerden bis heute an, aber es ist zum Glück um einiges leichter geworden.
Auf Station hatte ich das unglaubliche Glück den besten Psychologen auf der ganzen Welt zu haben. Seine ersten Worte (nachdem ich alles berichtet hatte) waren: "Ich kenne ihre Angst. Ich hatte schon einmal eine Patientin mit derselben Angstproblematik und konnte ihr helfen. Und Ihnen helfe ich auch." Ich hätte fast geweint. Ich führte zusammen mit ihm die Exposition durch. Es war schrecklich. Anfangs nur harmlose Bilder, doch sie wurden mit der Zeit immer heftiger. Dann dazu Tonbandaufnahmen. Es war extrem hart, aber es lohnte sich. Leider kam ich nach 7 Wochen in die Tagesklinik und musste auch den Psychologen hinter mir lassen. Aber wenn es gut läuft, kann ich ab August ambulant bei ihm weiter machen :).
Ich wurde immer stabiler. Ich nahm zu (leider durch die Tabletten viel mehr als mir lieb ist) und der Zwang besserte sich um vielfaches. Ich konnte wieder unter Menschen und hatte dabei sogar Spaß. Ein Mädchen in meiner Gruppe hatte dann MDG, und wurde im Laufe des Tages von den Ärzten nach Hause geschickt. Ich hatte unendlich Angst. Aber letztendlich habe ich es gemeistert. Ich hatte engen Kontakt zu einer Erkrankten und mich nicht angesteckt :)
Als meine Tabletten nochmals erhöht wurden, kamen zunächst wieder die Nebenwirkungen. Aber als diese nachließen und die Wirkung eintrat, fühlte ich mich viel besser. Diese Dosis ist genau die richtige, endlich merke ich, dass die Tabletten helfen (anfangs wollte ich sie immer nur absetzten da mehr Nebenwirkung als Wirkung da war, aber jetzt ist alles gut).
Ich habe verdammt viel erreicht und geschafft. Jetzt warte ich auf einen Platz in einer Spezialklinik (aber das kann sehr lange dauern). Ich bin mir unsicher, ob ich alles zu Hause allein schaffe. Ich habe Angst schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.
Aber ich hoffe auf das Beste. Immerhin habe ich in den 12 Wochen wahnsinnig viel erreicht.

Es ist ein harter - verdammt harter - Weg. Aber es lohnt sich. Man gewinnt Schritt für Schritt seine Lebensqualität zurück. Man merkt rasch Fortschritte, wenn man kämpft. Und ich werde weiterhin kämpfen. Mir wurde gesagt, dass man diese Angst nicht heilen kann, sie wird immer da sein. Aber man kann lernen damit umzugehen und trotzdem normal zu leben. Das muss man nur akzeptieren. Und mit Hilfe eines guten Therapeuten ist alles möglich.
Also gebt nicht auf! Ich steckte in dem schrecklichsten Abgrund fest und konnte mich nicht mehr allein hochziehen. Es ist keine Schande sich Hilfe von außen zu suchen, im Gegenteil. Man beweist verdammt viel Stärke wenn man diesen Schritt wagt. Ich bin noch weit davon entfernt ein normales Leben zu führen, die Angstgedanken sind jeden Tag noch da. Mal schwächer, mal stärker. Aber ich habe seit 5 Wochen keine Panikattacken mehr. Ich habe gelernt mit meiner Angst anders umzugehen. Ich führe die Konfrontationstherapie jetzt allein zu Hause durch (da ich außerhalb der Klinik leider keinen Therapeuten habe), und ich schaffe es! Ich bin mittlerweile soweit, dass ich mir Videos anschaue. Und es klappt ganz gut.
Rückschläge wird es immer wieder geben, das ist normal. Es wäre ja schön, wenn alles so einfach wäre ;)
Ich bin schon ziemlich stark geworden, und ich glaube, dass es noch besser werden kann. Ich konnte die Angst lange Zeit nicht loslassen, doch jetzt weiß ich, dass ich das auch gar nicht muss. Sie ist und bleibt ein Teil von mir. Und darauf bin ich auch stolz. Denn ich lerne so viel, ich entwickle so viel Kraft, Mut und Stärke. Jetzt blicke ich zurück und sehe all die kleinen und großen Erfolge. Und es tut gut.
Ich hoffe ich kann euch auf diesem Wege etwas Mut machen. Egal wie groß die Angst ist, egal wie hoffnungslos alles erscheint. Wenn man kämpft kann man alles schaffen. Habt keine Angst vor Therapie oder Kliniken. Uns kann gut geholfen werden :)

Alles Gute! Und sorry für den langen Text :silly:

Beste Grüße,
Michaela
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25 Mai 2017 16:07 #2 von Fleur
Fleur antwortete auf das Thema: Nach 12 Wochen Klinik
Liebe Micha,

Vielen vielen Dank für deinen Bericht! Und Respekt für deinen Mut und dein Durchhaltevermögen!
Es klingt nach einer sehr schwierigen Zeit, und die Vorstellung, auf einer Station zu sein mit Nebenwirkungen und Kranken Mitpatienten gruselt mich. Da ist es gut, zu lesen, dass du daran wachsen konntest und dir die Zeit geholfen hat.

Ich wünsche dir, dass es weiter bergauf geht! Dass du einen guten Weg findest, mit deiner Angst zu leben. Ich konnte mittlerweile auch ganz gut akzeptieren, dass ich wohl immer ein Mensch mit Ängsten sein werde. Und manchmal erschreckt es mich, wenn sie wieder zugeschlagen nach einer besseren Zeit. Aber man kann lernen, besser auf die Angst zu reagieren und abzugrenzen, was tatsächlich körperliche Beschwerden sind , und welche Reaktionen im Körper durch die Angst selbst hervorgerufen werden. Nicht, dass ich das bis jetzt wirklich könnte. Aber ich bin zuversichtlich, dass es immer besser gelingen wird. Wenn ich heute eine Panikattacke habe, nehme ich das zum Anlass, mal zu überprüfen, was gerade in meinem Leben so los ist, was mich umtreibt. Ob es etwas gibt, was mir nicht gut tut, und das ich loslassen sollte. Da habe ich die Angst tatsächlich auch schon als hilfreich empfunden.

Wir schaffen das, wir werden ein gutes leben haben!

Ganz viel Kraft und liebe Grüße,
Fleur

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