Ein (un?)überwindbares Problem

Zwischenmenschliches, Schwierigkeiten durch Schule oder Arbeit, eigene Macken und die Suche nach Gemeinsamkeiten, lustige Situationen oder auch mal unangenehme... - das alles ist genau hier richtig!

Moderatoren: Basti, Dianati, *

dariusbritt
Beiträge: 181
Registriert: 17.06.2013, 21:23

Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon dariusbritt » 03.09.2015, 21:08

Ich melde mich auch mal wieder als Ratsuchende... :roll:

Insgesamt habe ich mich mittlerweile nach einem riesengroßen Rückschlag wider gefangen. Das meiste fällt mir dank harter Arbeit auch meist ziemlich leicht. Ich habe immer mal wieder Tage, an denen die Angst stärker ist, aber anders als früher gibt sich das meist sehr schnell wieder und die Phobie manifestiert sich nicht, sondern bleibt ein Moment.

Jedoch gibt es da ein riesengroßes Hindernis, das ich bis heute nicht zu überwinden weiß. Tatsächlich ist es so groß, dass es all den anderen Fortschritt zunichte macht und das Potential hat, mir wirklich sehr bald das Genick zu brechen.

Schule - bzw später wäre es Ausbildung/Studium/Arbeit. Das bekomme ich einfach nicht hin und was nützt mir die selbstständigste Lebensführung, wenn ich es nicht schaffe, mein Leben zu finanzieren? Ich kann und will auch gar nicht ewig bei meinen Eltern wohnen.

Momentan hole ich in einer Förder-/Klinikschule mein Abitur nach. Das ist zum einen gut, weil ich nicht direkt alles aufs Spiel setzte, andererseits fehlt mir irgendwo auch genau der Druck. Momentan schaffe ich im Schnitt 3/5 Tagen in der Woche. Selten schaffe ich es tatsächlich, eine ganze Woche durchzuziehen. Ganz zu schweigen von mehr. Irgendwann kommt immer irgendein Zipperlein, in das ich mich total reinsteigere. Das Problem dabei ist, dass mir schon der kleinste Schnupfen sofort auf den Magen und/oder Kreislauf schlägt und mir Dauerübel ist - also, tatsächlich. Dadurch bekomme ich dann erst Angst, was die Übelkeit wiederum nur verschlimmert. Dazu kommen eben noch etliche hormonelle Probleme, die ebenfalls oft Übelkeit verursachen. Das ist alles ziemlich blöd, wenn man genau davor Angst hat.
Tatsächlich übergeben, musste ich mich noch nicht. Aber natürlich suggeriert mir meine Angst, dass das nur daher kommt, dass ich mich bisher so super geschont habe. Ironischerweise fällt es mir mittlerweile sogar leichter, einfach trotzdem loszugehen, obwohl ich morgens Bauchgrummeln oder gar Durchfall hatte, als wenn mir durch irgendwelche Erkältungen schlecht ist. Anfällig für richtig dicke Infekte (mit Fieber und allem drum und dran) bin ich eigentlich gar nicht. Das letzte Mal, dass ich richtig hohes Fieber hatte und Antibiotika brauchte, ist mittlerweile schon wieder 4 Jahre her. Auch da habe ich mich natürlich trotz heftiger Übelkeit nicht übergeben.

Das ganze macht mich mittlerweile ziemlich fertig, weil bei ALLEM anderen eine Konfrontation funktioniert hat. Aber egal wie lange und oft ich trotz kleinerer Beschwerden in der Schule war, mein Gehirn kapiert irgendwie nicht, dass mir nichts passiert. Und wenn ich dann (trotz Beschwerden) dort bin, hilft auch ruhig atmen nicht mehr viel. Die Angst geht nicht weg, bis ich wieder zu Hause auf dem Sofa sitze.

Im Moment habe ich wieder Halsschmerzen und Schnupfen (und natürlich ist mir schlecht) und fürchte mich vor dem morgigen Tag. Aber da es Freitag ist, hoffe ich, dass das Motivation genug ist, meine Angst zu überwinden. Aber anlässlich dessen und dass sich dieses Problem doch als sehr therapieresistent zeigt, wollte ich fragen, ob vielleicht irgendjemand noch Tipps für mich hätte? Egal welcher Art, sei es eine Technik, wie ich die Angst im Zaum halten kann oder generell mich von "Krankheiten" (wir reden hier ja echt nur von kleinen Erkältungen ohne Fieber etc) nicht so schnell so sehr runterziehen lassen, oder einfach nur ein paar klare Worte. Ich nehm alles, das helfen könnte. :biggrin:

Benutzeravatar
Megan.Morgue
Beiträge: 86
Registriert: 24.12.2014, 11:59
Wohnort: Mittelfranken

Re: Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon Megan.Morgue » 03.09.2015, 21:22

Hey! Also Schule bzw. Ausbildung ist bei mir auch so ein Thema, dass ich als (noch) unüberwindbar ansehe.
Habe mehrere Ausbildungen und Fachoberschule abgebrochen und "nur" Mittlere Reife (2007 schon Abschluss gemacht) obwohl ich immer Abi wollte.
Ich bin auch in einer ähnlichen finanziellen Situation. Ich wohne zwar alleine, beziehe aber Hartz 4. Also bin ich in gewisser Weise auch von anderen abhängig ... und ICH HASSE ES!

Ich kann dir leider keinen wirklich guten Rat geben.. sorry!
Aber ich denke es ist in der Situation wichtig sich kleine Ziele zu setzen und es nicht als Weltuntergang zu sehen, wenn du es mal nicht schaffst zur Schule zu gehen. Vielleicht verlangst du momentan auch nur zu viel von dir. So nach dem Motto "die Konfrontation hat bisher immer geklappt darum muss es JETZT auch klappen"
Also das sind nur mal Vermutungen, aber vielleicht sind die ein kleiner Denkanstoß!

PS: Kannst du mir ne PM (oder hier) schreiben was eine Förder-/Klinikschule ist?
Hab davon noch nie gehört.
"There is nothing either good or bad, but thinking makes it so". - (Hamlet, Act II, Scene II)

Kinabalu
Moderatorin
Moderatorin
Beiträge: 2061
Registriert: 01.07.2009, 20:17

Re: Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon Kinabalu » 03.09.2015, 23:19

dariusbritt hat geschrieben:Ironischerweise fällt es mir mittlerweile sogar leichter, einfach trotzdem loszugehen, obwohl ich morgens Bauchgrummeln oder gar Durchfall hatte, als wenn mir durch irgendwelche Erkältungen schlecht ist.


Wie genau kommt es denn zu deinen Fehltagen? Gehst du los und gehst früher nach Hause oder bleibst du zuhause?

Ich hatte auch immer große Probleme zur Schule zu gehen (bin dann ja auch n halbes Jahr nichtmehr gegangen). Mir fiel es auf jeden Fall "leichter"...naja nicht leichter aber ich bin in der Schule geblieben wenn ich morgens losgegangen bin.
Als ich kleiner war habe ich tauchen trainiert. Und mein Vater meinte damals zu mir: "enn du denkst dir geht dir Luft aus hast du noch Kraft für 3 weitere Schwimmzüge". Und das habe ich auch beim zur Schule gehen umgesetzt.

Um wieder zur Schule zu gehen habe ich mit mir ausgemacht, dass ich diese 3 Schwimmzüge noch mache und erst wenn es wirklich nicht geht gebe ich auf. Also was zum Beispiel morgens geht ist sich den Wecker stellen und früh aufstehen, frühstücken (zumindest einen Tee oder was du auch immer willst) duschen und fertig machen, das geht immer. Man kann dann auch wenigstens mal Richtung Bushaltestelle gehen und wenn es dort garnicht geht, dann lässt man mal ein paar Busse wegfahren und nicht erst den nächsten Bus. Am busbahnhof kann man ja immernoch wieder umdrehen. Oder man setzt sich da kurz auf eine Bank-ein Schwimmzug geht noch? Dann Richtung Schule. Dann in den Klassenraum, die erste Stunde abwarten. Und wenn man die erste Stunde geschafft hat darf man überlegen wieviel Kraft man noch hat. Geht es echt garnichtmehr oder schafft man nicht noch die nächste Stunde? Und wenn man mit sich ausgemacht hat nach der zweiten dann aber wirklich zu gehen-kann man vielleicht noch die Pause schaffen?

Das klingt vielleicht leichter als es ist. Ich habe viele Monate nur geduscht-mehr ging nicht, ich bin sooft auf dem Weg zur Bushaltestelle umgedreht, am Busbahnhof wieder nachhause, mitten in der Stunde raus usw usw. Aber jeden morgen hat mein Wecker geklingelt und ich bin aufgestanden und habe geduscht und dann-mal sehen.

Mir viel es leichter als ich meinem Kopf keine Diskussion mehr erlaubt habe "Wir gehen zur Schule morgen" Kein vielleicht...mal sehen..aber nur wenn..nein wir gehen! Erstmal da sein. Und wenn es dann nichtmehr geht gehen wir (ich und mein Psychohirn) nach hause-aber wir gehen hin.
And every demon wants his pound of flesh
but I like to keep some things to myself
I like to keep my issues strong
it's always darkest before the dawn

And it's hard to dance with a devil on your back
so shake him off!

mimi
Beiträge: 642
Registriert: 14.04.2013, 14:43

Re: Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon mimi » 03.09.2015, 23:51

Ich kann mich dem "Denkansatz" von Kinabalu anschließen - so ähnlich hab ich es in der Ausbildung gemacht.

Ich hatte ein festes "Morgenritual" - aufstehen, duschen, schminken, anziehen, Frühstück, ab ins Auto.

Erst im Auto hab ich "mir erlaubt" drüber nachzudenken, ob ich fahre. Aber - wenn man mal zur Tür raus ist, geht es meistens leichter, finde ich.

Im Büro hab ich mir dann auch "Zeitziele" gesetzt. Also in die Richtung "wenn es um Punkt halb 10 nicht besser ist, gehst du." Um halb 10 dann eine neue Schmerzgrenze und dann noch eine. Bis der Tag vorbei war. So hatte ich am Ende relativ wenige fehltage. Ich war zwar fix und fertig zuhause und bin teilweise fast am Essenstisch eingeschlafen, aber im Endeffekt hat es sich gelohnt.
Lady Angst bittet zum Tanz, ich nehm die Beine in die Hand - ich sing nie mehr die alten Lieder und ich brenne den Tanzsaal nieder!

dariusbritt
Beiträge: 181
Registriert: 17.06.2013, 21:23

Re: Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon dariusbritt » 04.09.2015, 09:17

mimi hat geschrieben:Erst im Auto hab ich "mir erlaubt" drüber nachzudenken, ob ich fahre. Aber - wenn man mal zur Tür raus ist, geht es meistens leichter, finde ich.


Ich glaube, das ist tatsächlich ein großes Problem/Hindernis bei mir; dass ich quasi schon zu Hause entscheide, ob ich es schaffe oder nicht und da auch noch nicht genügend gegen ankämpfe.
Aufstehen an sich ist gar kein so großes Problem. Aber ich glaube, weil ich ob ich den Tag schaffe oder nicht immer daran festmache, wie schwer mir das ganze fiel*, gehe ich oft nicht los, obwohl ich es eigentlich geschafft hätte.

Heute habe ich es immerhin geschafft. Zwar zu spät, weil ich echt ewig mit mir gerungen habe, aber trotz allem habe ich mich gegen die Angst entschieden.

Ich versuche in Zukunft das mit den Teilzielen zu verinnerlichen und mir auch tatsächlich erst später zu erlauben, mich als "zu krank" einzustufen. Dieses Hintertürchen nämlich schon zu Hause offen zu haben, ist offensichtlich viel zu verlockend.

Benutzeravatar
Parasomnia
Beiträge: 1687
Registriert: 25.11.2010, 11:52
Wohnort: Baker Street 221b
Kontaktdaten:

Re: Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon Parasomnia » 04.09.2015, 09:59

Mit der Schule hatte ich auch lange ein Problem. Ich bin einmal sitzengeblieben, war damals auch sehr depressiv, mir war eigentlich alles egal. Die Angst war da noch nicht die treibende Kraft, sondern eher die Antriebslosigkeit. Manchmal habe ich sogar körperliche Beschwerden provoziert, damit ich einen Grund hatte, in meinem Bett bleiben zu können. Als es mir dann besser ging, irgendwann, bin ich wieder öfter zur Schule gegangen, aber ich hatte hohe Fehlstunden bis zuletzt. Trotzdem habe ich irgendwie das Abitur geschafft, wenn ich mich auch heute noch manchmal frage, wie ich das eigentlich gemacht habe. Dann kam die Ausbildung, mit der ich mich einfach ins kalte Wasser geworfen habe. Ich wusste nicht, ob ich das durchhalte und dachte eigentlich, dass ich ein paar Monate arbeiten werde und dann kapitulieren muss. Überraschenderweise war das nicht so, was aber auch an meiner Angst gelegen hat, total abzurutschen. Ich hatte zwar Abitur, war danach aber in stationärer Behandlung und kurzfristig arbeitsunfähig geschrieben. Hätte ich jetzt auch noch die Ausbildung abgebrochen, wäre ein normales Leben in noch weitere Ferne gerückt. Also habe ich mich wirklich durchgebissen. Ich bin hingegangen aus Angst, dass mir mein Leben völlig entgleitet. Und ich habe gelernt, dass ich auch Übelkeit auf Arbeit aushalten kann. Dass es sogar oft gut ist, weil es mich ablenkt und den Fokus von all diesen Zipperlein nimmt. Letztes Jahr habe ich dann die Ausbildung beendet.

Einen richtigen Geheimtipp habe ich nicht, aber das was Kinabalu sagt, kann schon viel bringen. Und man sollte, so hart das ist, auch nicht zu nachgiebig mit sich sein. Ich habe jahrelang den Fehler gemacht, mir sehr schnell den Rückzug zu erlauben, weil ich halt nicht so fit bin und nicht so belastbar wie andere. Oft kann man aber mehr als man sich zutraut. Und wenn es dir zuhause dann auf dem Sofa besser geht, wenn du dich bisher nie übergeben hast von dieser Übelkeit, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass es körperliche Ursachen hat, die demnächst zum Erbrechen führen. Super übrigens, dass du dich heute gegen die Angst entschieden hast! Nur so kann es auf Dauer besser werden! Mich hat sowas immer enorm beflügelt, bzw. es beflügelt mich noch immer: festzustellen, dass ich mächtiger war als die Angst und gegen sie gewonnen habe. Dass auch das geht. Wo ich sonst meistens diejenige bin, die unterliegt.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
(Hannes Wader)

Let me forget about today until tomorrow.
(Bob Dylan)

dariusbritt
Beiträge: 181
Registriert: 17.06.2013, 21:23

Re: Ein (un?)überwindbares Problem

Beitragvon dariusbritt » 04.09.2015, 21:52

Ja, ich muss wirklich lernen mir mehr zuzutrauen und mich selbst mit Samthandschuhen anzufassen.

Blöderweise habe ich es dann letztendlich auch nur 2 Stunden lang ausgehalten. Aber nicht nur wegen der Angst. Ich glaube die allein, hätte ich vielleicht noch mal 2 aushalten können. Aber mir hat so der Kopf gedröhnt und der Hals wehgetan.. Aber zumindest bin ich am Abend dann noch einmal kurz einkaufen gewesen, was für mich im kranken Zustand auch ein neues (Teil-)Erfolgserlebnis ist.

Jetzt hoffe ich nur, dass ich nicht richtig krank werde und sich das ganze bis Montag wieder so einigermaßen legt. Sonst muss ich zum Arzt und argh...

Arzt ist auch so blöd. Da muss ich mich meiner anderen riesengroßen Angst immer genau dann stellen, wenn es mir sowieso schon beschissen geht. Aber gut, was muss das muss. Und jetzt im Moment steht ohnehin auch noch gar nicht fest, wie es mir am Montag geht. Also - abwarten und Tee trinken. ;)

Ich bedanke mich auf jeden Fall schon mal für eure Hilfe. Ich nehme es mir definitiv zu Herzen und versuche es in Zukunft auch so zu handhaben.


Zurück zu „Alltag mit Emetophobie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast