sich der angst stellen - eine kleine geschichte

Du hast eine Krise gemeistert oder Dir geht es im Allgemeinen deutlich besser, als noch vor einiger Zeit? Hier ist der Platz um deine Erfahrungen und deinen Weg anderen mitzuteilen...

Moderatoren: Anna85, *

minni

sich der angst stellen - eine kleine geschichte

Beitragvon minni » 04.12.2007, 18:16

"das wilde tier am tisch in der küche

Man muss sie an den tisch bitten. Am besten ist man sagt: „setzen sie sich doch und lassen sie sich einmal ansehen." Das hat sie nicht gern. Ich biete ihr dann natürlich nichts an. Ich sage nur: „setzen sie sich doch einfach mal hier an den küchentisch." In der küche ist es am einfachsten. Ich möchte sie nicht in der bibliothek haben oder dort, wo ich schlafe. Wenn sie da auftaucht, gehe ich sofort in die küche und fordere sie auf mir zu folgen. Das beeindruckt sie fürs erste.

Unter allen tieren in mir ist die angst das wildeste. Am gefährlichsten ist es, wenn man sie im rücken hat und sich von ihr jagen lässt. (es hat schon schlimme situationen gegeben.) deshalb darf man, sitzt sie einmal am küchentisch, auf keinen fall zu früh aufstehen und sich umdrehen. Dann springt sie los, und man hat dann kaum mehr den mut zu sagen: „setzen sie sich doch bitte wieder hin". Sondern man rennt und natürlich ist sie schneller und überrennt einen. Ich bin mir nicht ganz im klaren darüber, inwieweit sie argumenten zugänglich ist. Ich glaube aber, sie gibt nicht so sehr viel auf begründungen. Sie selbst spricht ja nicht. Sie hechelt.

Es ist das anschauen, das sie bannt. Wenn man sagt: „lassen sie sich doch einmal genau anschauen", wird sie blass. Sie kann so blass werden, dass einen schon wieder das mitleid packt. Und dann kommt man auf aberwitzige zweifel (…) sie setzt sich nicht gerne aus. Sie kommt immer von hinten, unerwartet, vielleicht heimtückisch.

Raubtierhaft. Ihr wesen ist beschleunigung. Sie jagt, sie rast, und sie spannt die seele in ein laufrad, wie es sie für kleine felltiere gibt. Deshalb ist es ihr zuwider wenn man sagt: „setzen sie sich doch einfach mal ruhig an den küchentisch und lassen sie sich anschauen, wir haben doch zeit". Sie hat keine zeit, sie ist immer auf dem sprung. Und deshalb quält es sie ungemein, wenn jemand ihr sagt, dass er zeit habe und dass sie auch zeit habe. Vielleicht ist sie überhaupt am einfachsten durch langsamkeit zu zähmen. Schon wie man sie auffordert, sich zu setzen, muss sehr langsam, fast behutsam geschehen.

Nie und auf gar keinen fall, darf man anfangen zu rennen. Wenn man sie von hinten wittert, wie sie anlauf nimmt, muss man sich mit aller kraft umdrehen und sie anschauen und ganz ruhig sagen „wissen sie, wir sollten uns mal setzen."

Manchmal ist es dafür wohl zu spät. Aber besser als rennen (was wohl tödlich sein kann) ist dann immer noch paradoxer weise, man ergibt sich ihr. Sie reagiert instinktiv wie manche tiere auf das ritual des unterwerfens. Man zeigt ihr sozusagen die kehle und ist bereit sie auszuhalten. Dann mag sie nicht mehr. Sie ist eine jägerin und obwohl sie immer hungrig ist, nimmt sie keine opfergaben. Hingabe ist ihr widerlich. Schon freundlichkeit blamiert sie. Vielleicht sitzt sie deshalb ungeschützt am küchentisch.

Soweit arrangiere ich mich also mit ihr. Nur manchmal denke ich, was ich tun soll, wenn ich ausziehen muss und dann keine küche mehr habe."



Angelika Overath


.............so kann man mit ängsten umgehen :wink:

Zurück zu „Wege aus der Emetophobie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast