Auftauchen, Luft holen und Mut fassen

Du hast eine Krise gemeistert oder Dir geht es im Allgemeinen deutlich besser, als noch vor einiger Zeit? Hier ist der Platz um deine Erfahrungen und deinen Weg anderen mitzuteilen...

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maybe
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Auftauchen, Luft holen und Mut fassen

Beitragvon maybe » 30.10.2015, 15:11

Hallo ihr Tollen,

ich, bis jetzt stumme, ab und zu mal reinschauende Leserin muss jetzt auch mal meine Erfahrungen der letzten Monate mit euch teilen. Und ich hoffe dass es dem ein oder anderen ja vielleicht ein bisschen Mut macht!
Ich habe jahrelang nichts von meiner Emo gewusst - ja, das hört sich komisch an, und ich weiß auch nicht ob es hier Menschen gibt denen es genauso ging? Jedenfalls bekam ich die 'Diagnose' im Juli diesen Jahres von meinem Therapeuten - bei dem ich aufgrund von Magenproblemen war, die eindeutig psychisch zu sein schienen. Aber um von vorne anzufangen: Seit ich denken kann bin ich was das - ich nenne es jetzt mal empfindliche Thema - angeht ziemlich ängstlich. Ich bin *Klopf auf Holz* gottseidank kein Mensch der damit häufig konfrontiert ist/war. Trotzdem fing ich schon im Grundschulalter mit Vermeidungsverhalten an, Situationen die andere Leute im Bezug auf dieses Thema hatten meistens. Also wenn mir damals jemand erzählte er hätte sich von Apfelmus übergeben konnte man sich sicher sein, dass ich die nächsten Wochen Apfelmus mit ganz anderen Augen betrachtet hab - ihr kennt das?
Grundsätzlich schon eindeutige Anzeichen auf eine wirkliche Störung, was ich natürlich nicht wusste, ich war mein ganzes Leben der Auffassung JEDER macht das. Gut, mir war klar, dass ich da vielleicht etwas vorsichtiger bin als andere, aber es war bei mir halt so. In der 5. Klasse fingen die Bauchschmerzen an und ich wurde von einer Therapie zur nächsten geschickt (man muss dazu sagen, dass ich es nicht immer einfach hatte und Grund zur Annahme bestand meine Bauchschmerzen kämen vom verdrängten Tod meines Vaters). Ich konnte dort aber nirgendwo etwas damit anfangen und fühlte mich auch nicht als würde ich großartig etwas verdrängen.
Um jetzt ein paar Jahre nach vorne zu skippen - mir ging es mal besser, mal schlechter aber alles in allem breitet sich so eine Phobie natürlich aus, wenn man sie nicht behandelt. Ich wurde Vegetarierin - dann Veganerin und das letzte Jahr habe ich mich von Kartoffeln, Brot und Tomaten ernährt, weil ich nur noch das vertragen habe.
Zu der Essensschiene muss ich anmerken, dass ich wirklich gerne esse - eigentlich - und auch viel und ich hab Spaß daran. Ich hatte auch bis zur Diagnose NIE wirklich den Gedanken es könnte wieder raus kommen. Das hervorzuheben ist mir deshalb wichtig, weil ich hier schon von mehreren Verzweifelten gelesen hab die es kaum glauben können, wie stark man körperlich reagieren kann. Und ich hab gelernt der Körper kann wahnsinnig reagieren! Ich musste mich so weit mit dem Essen runterstufen über die Jahre, weil ich nichts mehr vertragen hab. Von allem was ich gegessen hab ging es mir schlecht. Ich dachte wirklich ich habe irgendeine seltene Krankheit die niemand entdeckt (auch das kennt hier glaube ich fast jeder) und bei mir wurde es eben immer schlimmer.

Als ich die Diagnose von meinem Therapeuten bekam war es schon soweit, dass ich mich kaum von meiner Wohnung zu ihm getraut hab. Busfahren? Nein Danke. Und als - durch Zufall! - das emfindliche Thema aufkam und klar wurde, dass ich doch etwas viel vorsichtiger war als andere Menschen war es wie eine Erlösung. Ich bin NICHT todkrank, es ist heilbar und auf einmal macht mein ganzes Leben einen Sinn. All die Situationen die ich nicht aushalten konnte (Klassenfahrten, Party machen, etc.) und nicht wusste warum waren ein Ergebnis meiner Vermeidung. Auch die Übelkeitsanfälle, die ich jede Nacht hatte und wenn ich Busfahren musste, im Flugzeug gesessen hab stellten sich als Panikattacken raus. Ich weiß, es hört sich dämlich an, aber ich hab nichtmal wahrhaben wollen, wenn ich eine Angstattacke bekomme und dachte ich zittere so, weil ich mich gleich übergeben muss, so wie es sich auch anfühlt wenn ich so eine Attacke bekomme. Neben der Erleichterung und den Erklärungen kam eben auch die Angst, die ich so lange verdrängt/nicht wahrhaben wollte mit aller Macht und auf einmal ging garnichts mehr!
Ich hatte in einer anderen Stadt einen Ausbildungsplatz für diesen September und davor hat mir gegraut, so dass ich ihn absagte, und zurück zu meiner Mutter gezogen bin, wo es mir in den nächsten Wochen immer immer schlechter ging - körperlich. Ich wollte gegen die Angst kämpfen, hab eine Therapie angefangen, aber es hat mich alles überrollt.

Ich konnte immer weniger essen, nicht mehr vor die Tür gehen, mir war immer schlechter, ich konnte nicht mehr schlafen, hatte Schmerzen, war eigetlich reif für eine stationäre Therapie bzw. wahrscheinlich erstmal Krankenhaus, was für mich der blanke Horror wäre. Also probierten wir noch einen Alternativarzt aus, der mir per Pulsdiagnose (wissenschaftlich NICHT abgeklärt!) eine sehr schwere Parasiteninfektion diagnostizierte und so meine Schmerzen und die Übelkeit belegte (er wusste von meiner Angst). Fakt ist, ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass mein Kopf solche körperlichen Sachen auslösen konnte und war verzweifelt. Ich hab beschlossen, seine Behandlung durchzuzuiehen und die bestand darin Astronautenkost zu mir zu nehmen um nicht so viel abzunehmen und den Darm ruhig zu stellen und ein Wurmmittel zu schlucken. Dieses Medikament war kein 0815-mal eben so Wurmmittel sondern eine 'schwache' Chemo. Ich habe 15 Kilo abgenommen, mir sind die Haare ausgefallen, das volle Programm. Nach zwei Wochen war ich fertig mit der Therapie und reif fürs Krankenhaus, weil ich nicht mal mehr einen Schluck Wasser trinken konnte, da mir so schlecht war. Ich hab mich aber kein einziges Mal übergeben, falls es jemanden interessiert ;) Dort checkten sie mich noch einmal durch und hängten mich an den Tropf, versuchten mich zum Essen zu bewegen etc. aber es ging nix bei mir. Ich war nicht krank, mein Körper voll funktionsfähig und das ALLES kommt von meiner Psyche. Und mit dem Gedanken kam der Kampfgeist zurück. Ich war zwar immernoch sau schwach, konnte nicht mal allein aufstehen, aber ich lag nicht nurnoch da und habe darauf gewartet, dass ich sterbe. Nach 5 Tagen bin ich nach Hause gegangen mit einem BMI von unter 15. Und dem Entschluss, dass wenn ich mich selbst so runter hungern kann vor Angst, dann kann ich mich da auch wieder rausholen und fing an zu Essen. Mein Bruder hat sich zwei Wochen Urlaub genommen und sich mit mir in mein Bett gesetzt und mir jeden Tag etwas neues zu Essen gemacht. Am ersten Tag habe ich drei Löffel Brei runtergewürgt und nach 2 Wochen war ich bei 5 Mahlzeiten am Tag. Ich habe nach 4 Wochen 7 Kilo schon wieder drauf, ich hatte keine Panikattacke mehr. Trotzdem fällt es mir wahnsinnig schwer unter Leute zu gehen und die körperlichen Sachen zu ignorieren. Aber die Therapie die ich jetzt natürlich erst recht weiter mache hilft mir wirklich, das alles auszuhalten.

So schlimm sich das alles vielleicht anhört, es war mein Weg aus der Angst. Und ich habe gelernt, dass man NIEMALS aufgeben darf und sich manchmal fallen lassen muss, bevor- oder gerade damit man Hilfe annehmen kann. Und das jeder Weg der Richtige ist, es muss die richtige Zeit und der Wille da sein. Und ich hab zwischendurch wirklich gedacht, ich komme dort nicht mehr raus, aber man hat die Kraft und bestimmt auch den Mut. Und ich bewundere euch hier alle sehr, wie ihr euch jeden Tag aufs Neue mit dem empfindlichen Thema auseinander setzt, kämpft, ausprobiert und weiter macht, als gutes Beispiel vorangeht oder als Unterstützung und Inspiration für alle anderen dient. Ich fand beim mitlesen hier immer die Zeilen über Stärke, ignorieren, etc. sehr platonisch und oberflächlich, ich konnte damit nichts anfangen, doch jetzt weiß ich was damit gemeint war!
Es gibt einen Weg hinaus aus der Angstspirale, aus den Schmerzen und jeder muss seinen eigenen finden. Der Weg ist schwer und lang, aber es gibt ihn und ich wünsche jedem hier von Herzen, dass er oder sie ihre Schlupflöcher finden, die Sachen machen, die Ihnen gut tun. Und wieder zu sich selbst finden, zu dem mutigen und wundervollen Menschen der er ist.
In diesem Sinne
Kopf hoch und Ellbogen raus ;)
Eure maybe

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Re: Auftauchen, Luft holen und Mut fassen

Beitragvon Paulinchen » 02.11.2015, 20:34

Danke für den Beitrag maybe! Du hast ja wirklich einiges durchgemacht und wenn ich das lese, tut es mir richtig Leid, wie schwer es für dich war, aber genaus freut es mich, dass du jetzt auf einem guten Weg bist!
Ich kenne das auch, dass mein Körper wirklich stark reagieren kann und körperliche Symptome vom Kopf ausgelöst werden können, auch wenn es bei mir nicht so extrem war wie bei dir. Ich hoffe, du gehst deinen Weg weiter und kannst dich immer mehr von der Angst befreien! :)

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Megan.Morgue
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Re: Auftauchen, Luft holen und Mut fassen

Beitragvon Megan.Morgue » 02.11.2015, 21:46

Wow! Zuerst hat mich der lange Beitrag etwas "abgeschreckt", doch jetzt wo ich ihn gelesen habe, bin ich froh!
Was du durchgemacht hast ist Wahnsinn und sowas würde ich keinem wünschen, aber ich bin wirklich froh, dass dir das den nötigen Antrieb gegeben hat da wieder raus zu kommen. Manchmal muss man leider erst ganz unten sein um wieder rauf zu kommen.

Den Punkt an dem mich alles überrollt hat hatte ich auch. Bei mir kam der Punkt nach einem Schulwechsel, als ich gemerkt hab, dass es nicht normal ist gemobbt zu werden und täglich Bauchschmerzen und Übelkeit zu haben. Ich dachte wirklich, dass ist normaler Schulstress! Aber nach dem Schulwechsel habe ich es gerade noch geschafft meinen Abschluss zu machen und bin danach in ein tiefes Loch gefallen aus dem ich jetzt langsam rauskrabble.
Ich war, wie du, immer sehr vorsichtig und habe schon im Kindergarten Essen gemieden, bei dem sich jemand danach übergeben hat. Bananen waren es in meinem Fall und ich habe das Ereignis heute noch vor Augen. Es hat bei mir JAHRE gedauert, bis ich überhaupt wieder dran denken konnte eine Banane zu essen. Heute mag ich sie wieder gern.
Auch viele andere Punkte kann ich gut nachvollziehen!

Dein Beitrag macht wirklich Mut und ich finds toll, dass du deine Geschichte hier geteilt hast!
Wünsche dir weiterhin auch alles gute :)
"There is nothing either good or bad, but thinking makes it so". - (Hamlet, Act II, Scene II)

maybe
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Re: Auftauchen, Luft holen und Mut fassen

Beitragvon maybe » 03.11.2015, 12:02

Puh, ich bin wirklich froh, dass sich in dem Beitrag vielleicht der ein oder andere ein bisschen wiederfindet!
Ich finde es auch total spannend, wie unterschiedlich sich diese Angst auswirkt, ihr nicht?
Liebes Paulinchen, wie schaffst du es am besten diese Symptome zu ignorieren, bzw. damit umzugehen?
Ich habe jetzt die letzten Tage gemerkt (ich gehe ganz langsam wieder unter Menschen), als ich mit einer Freundin einen Spaziergang gemacht habe und ihr erzählt hab, dass es immernoch schwer ist, ich es aber toll finde dass sie mich unterstützt, dass es mir in diesen Situationen wahnsinnig hilft es einfach laut und selbstbewusst auszusprechen, wenn sich die Symtome melden. Wir waren schon etwas unterwegs und ich dachte wieder 'Oh Gott, viel zu viel gelaufen, soweit bin ich doch noch garnicht, ich bekomme bestimmt Magenschmerzen und mir wird schlecht'
Dann habe ich einfach zu ihr gesagt: Ich habe zwar immernoch durchgehend körperliche Probleme, aber es ist mir einfach egal jetzt! Ich gehe mit dir Spazieren und es macht Spaß und nichts hält mich davon ab!
Und dann war mein Kopf glaube ich.. etwas vor den Kopf gestoßen (Haha, Füße hoch :D) und überrumpelt von meiner inneren Haltung. Und siehe da, als wir zuhause waren habe ich mit ihr Kekse gegessen und Tee getrunken - das erste Mal seit Monaten vor jemand anderem gegessen bzw. getrunken.
Und diese Strategie hab ich jetzt schon ein paar Mal angewandt und es hat immer wirklich etwas geholfen.

Paulinchen
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Re: Auftauchen, Luft holen und Mut fassen

Beitragvon Paulinchen » 05.11.2015, 11:37

Hey maybe!
Ja, auf jeden Fall, für mich war es fast ein Schock, als ich wirklich realisiert habe, dass die körperlichen Symptome, die wirklich stark waren, nur von meinem Kopf ausgelöst worden sind. Ich kann mich an Angstzustände erinnern, die bei mir wirklich Durchfall ausgelöst haben und an einen furchtbaren Tag, an dem ich satte 4 Stunden Panik hatte und mich aus diesem Zustand nicht befreien konnte.. ich bekam in den 4 Stunden kaum Luft und saß nur apathisch im Sessel, ich war vor Angst wirklich erstarrt. Meine Mutter wollte damals sogar den Notarzt rufen...

Hmm es gab eine Situation, an die ich mich noch genau erinnere und ich glaube, das war für mich der Anfang, mit der Angst umgehen zu können. Ich war mit einer Freundin in der Stadt bummeln, es war noch kalt, aber schön sonnig und ich hatte mich unheimlich auf das Treffen gefreut. Ich bekam nach wenigen Minuten eine Panikattacke vom feinsten, aber ich wollte verdammt nochmal diesen Tag genießen :mrgreen: Für mich war das innerlich ein echter Kampf und meine Freundin und ich saßen eine geschlagene Stunde auf einer Bank und ich kämpfte mit meiner Panik (meine Freundin war auch Emo und verstand es irgendwie) und daher fühlte ich mich durch ihre Anwesenheit nicht noch mehr gestresst. Ich hab eine Stunde mit mir gekämpft und mir selber gesagt, dass es nur Panik ist, dass es mir nicht schlecht geht und dass die Panik aufhören wird! Ich hatte es schon oft erlebt, dass ich unterwegs Panik hatte und als ich zu Hause war, war es dann in den meisten Fällen wieder direkt vorbei. Daher wusste ich genau, dass wenn ich mich abholen lasse, es mir direkt wieder gut gehen wird. Ich hab also eine ganze Stunde mit mir gekämpft und dann ließ es nach! Es war noch nicht ganz vorbei, aber ich konnte von der Bank aufstehen und wir gingen weiter und dann verschwand die Angst und der Tag war noch richtig schön! Ich war super stolz auf mich und hatte ein richtiges Hochgefühl :lol:
Damit war natürlich nicht alles vorbei und nach dem Tag hatte ich noch unzählige Panikattacken, gerade, wenn ich unterwegs war. Aber die Panikattacken hielten nicht mehr so lange an.. sie verschwanden schneller. Heute ist es so, dass ich auch noch Panikattacken bekomme, aber selten und richtige Attacken sind es meistens nicht mehr. Sobald die Angst kommt, kann ich sie meistens direkt im Keim ersticken. Ruhige Atmung und den Puls kontrollieren, dass er wieder runterfährt, das hilft mir recht gut. Es gibt aber auch noch Situationen, in denen ich auf die Angst reinfalle und denke, dass es doch körperlich ist (das hatte ich erst letztens leider), aber es ist wirklich selten geworden.
Zudem habe ich immer wieder ganz tolle Erlebnisse gehabt, wenn ich Ängste überwunden habe, z.B. in den Urlaub fahren. Ich hatte vorher so große Angst und ja, ich hab im Urlaub dann auch wieder mehr mit mir kämpfen müssen (war das Essen in Ordnung? War jemand vor mir in diesem Ferienhaus, der vll mgd hatte? wir haben so viel unternommen, vll habe ich mich irgendwo angesteckt?), aber der Urlaub war trotzdem ein Traum, weil ich so viel schönes unternommen habe und möchte diese Erinnerungen auf keinen Fall missen und vor allem: ich möchte mögliche zukünftige tolle Erfahrungen und Erlebnisse nicht missen! :)

Also ich glaube, unsere Erfahrung ist da auch ähnlich! Man WILL jetzt einfach nicht auf eine Unternehmung/Erlebnis o.Ä verzichten, selbst wenn es nur ein Spaziergang oder ein Stadtbummel ist :) Und liebe, verständnisvolle Menschen helfen einem da ungemein!


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