Was sich geändert hat

Du hast eine Krise gemeistert oder Dir geht es im Allgemeinen deutlich besser, als noch vor einiger Zeit? Hier ist der Platz um deine Erfahrungen und deinen Weg anderen mitzuteilen...

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Parasomnia
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Was sich geändert hat

Beitragvon Parasomnia » 07.07.2015, 22:18

Liebe Forengemeinde,

ich war schon länger nicht mehr im Forum aktiv, seit 2013, wenn ich mich recht entsinne. Das hat viel Gründe, einer davon ist akuter Zeitmangel. Ein anderer aber auch, dass es mir insgesamt etwas besser geht. Nein, ich habe die Phobie nicht besiegt (und ich leide seit etwa 20 Jahren unter Emetophobie). Ich habe nach wie vor Panikattacken und das Erbrechen ist für mich nach wie vor nichts Normales in meinem Leben, nicht alles ist Sonnenschein. Aber ich habe gelernt, besser damit umzugehen. Das liegt einerseits an der grundsätzlich anderen Perspektive, die ich mit den Jahren gewonnen habe. Früher habe ich mich sehr in Watte gepackt, habe sehr oft, wenn ich Dinge plante, darüber nachgedacht, ob sie mir nicht zuviel sein könnten. Um es ganz platt auszudrücken: "Ich bin krank, ich muss vorsichtig sein mit mir."

Ich will nicht grundsätzlich behaupten, dass man nicht auf sich Acht geben sollte, aber Phobiker neigen zur Übervorsicht. Teil des Problems, auch dieses ganzen Emetophobieproblems, ist ein eklatanter Vertrauensmangel. Der Umwelt, aber vorallendingen auch sich selbst gegenüber. Man traut sich und seinem Körper nicht zu, eine mögliche Kotzsituation zu bewältigen. (und der Umgebung im Zweifelsfalle nicht, dass sie helfend einschreitet) Ich habe aber in den letzten Jahren bemerkt, dass ich deutlich mehr schaffe als ich mir zugetraut habe. Ich habe meine Ausbildung im Einzelhandel (genauer: Buchhandel) absolviert, obwohl ich kurz vor Ausbildungsbeginn gerade aus der psychosomatischen Klinik kam und als arbeitsunfähig galt. Ich habe im Oktober 2014, übrigens auf Anregung eines lieben Mitglieds aus diesem Forum (huhu, Sarah!) mein Fernstudium begonnen und bereits die erste Prüfung mit 1,0 abgeschlossen. Neben dem Studium arbeite ich weiterhin im Einzelhandel und mache noch so ein paar diverse Sachen im Internet. Ich gehe aus meiner Wohnung und treffe Menschen, fahre gar in andere Städte, um sie zu treffen! Wenn auch nicht immer allein - was noch immer ein mitelgroßes Problem darstellt, so ehrlich woll 'mer ja sein.

Dass ich mehr schaffe als ich mir früher zugetraut habe, sorgt für mehr Selbstvertrauen. Für das Gefühl, die Zügel etwas fester in der Hand zu halten. Nicht so fest, dass ich behaupten könnte, ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben - furchtbare Phrase -, aber so fest, dass mich nicht jedes Zwicken in der Magengegend zum Wahnsinn treibt. Mir hat es geholfen, die Welt nicht mehr mit Phobikeraugen zu sehen. Manche tragen Armbänder mit der Frage "What would Jesus do?", ich trage in meinem Kopf immer die Frage mit mir: "Was würde ein Nichtphobiker tun?" Ich bin nicht nur meine Phobie und es hilft mir bedeutend mehr, mich an denen zu orientieren, die ihr Leben halbwegs entspannt leben können, statt in mir immer nur den Phobiker zu sehen und all diese typischen Wehwehchen. Ich meine das nicht abwertend, aber man kreist bisweilen sehr um sich selbst und die eigene kleine Welt. Dabei ist das nur eine Art, dem Leben zu begegnen und die Wirklichkeit wahrzunehmen. Neben dieser Art gibt es tausende andere. Warum nicht mal eine neue ausprobieren? Den Stein des Anstoßes gab eigentlich ein Arbeitskollege, der die Dinge enorm locker angeht. Es gibt kaum etwas, was ihn aus der Ruhe bringt. Sein Motto: "Wird schon alles irgendwie klappen." So tiefenentspannt werde ich niemals werden, aber ich versuche gelegentlich, seine Haut überzustreifen und in seinen Schuhen zu gehen. Und was soll ich sagen? Hilft! Eigene Denkspiralen und Muster hinterfragen! Immer wieder neu! Wenns Not tut, auch ganz krass konstruktivistisch: Die Wirklichkeit ist nicht irgendwie, ich MACHE mir meine EIGENE Wirklichkeit. Und wie ich das mache, kann ich ändern!

Es hat mir geholfen, aus einer schadhaften und destruktiven Beziehung herauszukommen. Ich versuche mich in Meditation, das klappt bisher nicht durchschlagend gut, aber ich will nicht so schnell aufgeben. Wer grundsätzlich entspannter ist, begegnet auch den Widrigkeiten des Lebens entspannter. Ich habe positive Erfahrungen mit Menschen gemacht. Das macht mich noch nicht zum Menschenfreund, aber ich sehe: Es gibt Menschen, sogar wildfremde!!, die mir helfen, wenn es mir nicht gut geht. Wenn ich Hilfe brauche. Traut euch, solche Erfahrungen zu machen. Besonders die unter euch, die eine stark sozialphobisch gelagerte Emetophobie haben. Ich bin seit einigen Jahren nicht mehr in Therapie, zwischenzeitlich habe ich es wieder versucht, aber an die wirklich harten Brocken komme ich nicht heran (das muss ich erstmal akzeptieren) und alles weitere hielt mein Therapeut für nicht so besonders dringlich. Womit er vielleicht auch Recht hatte. Ich nehme keinerlei Medikamente. Zwar war ich noch nie jemand, der Vomex oder MCP geschluckt hat, aber ich habe auch nicht mehr das Gefühl, irgendwas zu brauchen. Das einzige, was ich zuhause habe: Pflanzlicher Beruhigungstee aus der Drogerie.

Das war jetzt viel Gelaber für jemanden, der die Phobie nicht überwunden hat. Aber: Ich bin an einem deutlich anderen Punkt als noch vor 5 Jahren! Kann man schaffen! Vielleicht schaffe ich in nächster Zeit, mich hier wieder etwas mehr zu beteiligen.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
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Re: Was sich geändert hat

Beitragvon Perna » 09.07.2015, 00:06

Leider nur kurz (ich muss dringend ins Bett, da ich morgen nach Thailand fliege :D ):
Suuuuuuuper Beitrag !!!!!!!!!!
Besonders einen Satz will ich noch mal ganz dick unterstreichen: Die Welt so oft es geht aus der Sicht eines Nicht-Phobikers sehen und leben!
Mir hat in meiner Therapie (bin immer noch dabei) geholfen, dass mein Therapeut mir sagte, man müsse als Phobiker zum einen lernen, wohlwollend mit sich selbst zu sein. Und zum anderen in jeder vermeintlich "gefährlichen" Situation einen Realitätscheck durchführen. Mir hat es dabei geholfen, mir ein (imaginäres) Vorbild eines Nicht-Phobikers zu erschaffen: Was würde das Vorbild in Situation xy machen? Hätte es Angst? Wenn nein, dann sollte ich diese Situation ebenfalls meistern können. Stichwort Vertrauen in dich selbst haben.

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Re: Was sich geändert hat

Beitragvon Ohlone » 14.07.2015, 01:08

Ja, toller Beitrag! Und ich kann auch immer wieder nur sagen, wie wichtig es für mich ist, zu wissen, dass es eigentlich immer nur darum geht, dieses Vertrauen im Kern zu stärken und (wieder) aufzubauen und dass jeder Mensch dieses Potenzial in sich trägt. Es braucht nur viel Mut, immer wieder hinzusehen. Ich bin inzwischen seit 5 Jahren intensiv dabei und wunder mich immer wieder über neue Erkenntnisse und Perspektiven, die sich mehr und mehr zu einem Ganzen zusammenfügen. Dabei ist die Phobie der sichtbare Teil eines Eisbergs, der unter Wasser bleiben musste. Heute ist mir klar, dass ich bis vor ein paar Jahren gar nicht in der Lage war, die Wahrheiten zu ertragen, die sich bis heute zeigen, ohne vor ein paar Jahren überhaupt zu ahnen, dass da was schlummert. Und ich bin sicher, die Reise ist noch nicht zu Ende.

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Re: Was sich geändert hat

Beitragvon Parasomnia » 14.07.2015, 10:37

Hallo Perna, hallo Ohlone,

vielen Dank für eure Antworten!

Dabei ist die Phobie der sichtbare Teil eines Eisbergs, der unter Wasser bleiben musste. Heute ist mir klar, dass ich bis vor ein paar Jahren gar nicht in der Lage war, die Wahrheiten zu ertragen, die sich bis heute zeigen,


Ja, dem stimme ich zu. Wenn ich die Wahrheitssuche nach dem, was unter der Phobie begraben liegt, auch erstmal eingestellt habe. Im Moment spielt es - für mich - keine gewichtige Rolle, was die Phobie zu verdecken versucht. Um vieles weiß ich auch bereits, ohne, dass es sich dadurch ändert. Für mich war in den letzten zwei Jahren sehr wichtig, Selbstvertrauen zu gewinnen und meine Wahrnehmung ein stückweit "umzuprogrammieren". Nicht mehr alles und jeden durch die Brille eines Phobikers zu sehen, der sich vor Bedrohung schützen muss.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
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Re: Was sich geändert hat

Beitragvon Kinabalu » 06.08.2015, 22:59

Schön wieder von dir zu lesen :)
And every demon wants his pound of flesh
but I like to keep some things to myself
I like to keep my issues strong
it's always darkest before the dawn

And it's hard to dance with a devil on your back
so shake him off!


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