Mutmachgeschichte

Du hast eine Krise gemeistert oder Dir geht es im Allgemeinen deutlich besser, als noch vor einiger Zeit? Hier ist der Platz um deine Erfahrungen und deinen Weg anderen mitzuteilen...

Moderatoren: Anna85, *

SunOfAGun
Beiträge: 1
Registriert: 09.01.2015, 18:22

Mutmachgeschichte

Beitragvon SunOfAGun » 09.01.2015, 18:53

Hallo zusammen,

wie wahrscheinlich einige bin ich über den Spiegel-Artikel auf den Namen Emetophobie gestoßen und als ich ihn gegoogelt hab, bin ich hier gelandet. Hab heute Mittag ein bisschen gestöbert und quergelesen und dachte: Ja! Ja! Das kenn ich! Da hab ich nun endlich mal einen Namen für etwas, unter dem ich fast 15 Jahre gelitten habe.

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich mich anmelden soll, um meine Geschichte zu erzählen, da ich keine Betroffene mehr bin. Aber vielleicht hilft es ja jemanden, das würde mich freuen.

Bei mir ging es los, da war ich so ungefähr 7. Einen konkreten Auslöser kann ich bis heute nicht genau erkennen, allerdings gibt es ein, zwei Situationen, die bestimmt auch dazu geführt haben könnten.
Als Kind habe ich damals gar nicht verstanden, was da bei mir eigentlich passiert. Obwohl ich gerne aß, hatte ich plötzlich Angst vor dem Essen. Oft wurde mir übel, aber noch nicht so verstärkt wie die Jahre darauf. Richtig los ging es dann erst, als ich aufs Gymnasium kam. Mir war ständig schlecht, ich konnte oft nicht zur Schule gehen, weil ich mich so gefürchtet habe, dass ich mich dort übergeben muss. Durch die Angst vor dem Erbrechen hab ich natürlich auf jedes Zeichen von meinem Körper gehört und da bekommt man ja leider schon beim leisesten Magenknurren weiche Knie. Allerdings habe ich das nie als Angst definiert. Ich dachte tatsächlich, dass mit meinem Magen etwas nicht stimmt, wenn mir die ganze Zeit schlecht ist. Und ich kenne kaum jemanden, der gerne erbricht, daher stufte ich meine Furcht als völlig normal ein.
Mit 13 wurde ich von diesen Gefühlen so sehr bestimmt, dass ich vom Kinderarzt ins Krankenhaus überwiesen wurde. Für mich die Hölle damals, ich konnte dort nichts essen, ohne das mir übel wurde. Damit die Ärzte meine Speiseröhre überprüfen konnten, musste ich Kontrastmittel schlucken, was überhaupt nicht funktionierte; Meine Psyche hatte meinen Schluckreiz auf null zurückgefahren. Eine Magenspiegelung wurde gemacht und tja, was soll ich sagen, es kam bei keiner Untersuchung irgendeine Anomalie vor. Ich war gesund, so wurde ich entlassen.
Als ich daheim war, sagte meine Mutter zu mir: "Übrigens habe ich mich kurz mit der Kindertherapeutin unterhalten. Sie meint, du hättest eventuell Angst vor dem Erbrechen. Das hast du aber nicht, oder? Sie meint nämlich, dass man in diesem Fall konfrontieren muss und dich zum Erbrechen zwingen muss."
Als eine 13 Jährige mit panischer Angst vor dem Erbrechen hab ich da natürlich nein gesagt. Ich sagte, ich hätte keine Angst, aus Angst, zum Erbrechen gezwungen zu werden.

So zog sich die Krankheit durch Teile meiner Kindheit und mein gesamtes Teenagerleben. Sie zwang mich, erste Feiern mit Freunden viel zu früh zu verlassen. Gemeinsame Essen mit der Familie zu meiden. Auch zu ganz merkwürdigen Dingen zwang sie mich. Ein paar Mal musste ich mich vor lauter Übelkeit in Gesellschaft einiger Freundinnen auf den regennassen Boden mitten auf dem Gehweg legen, um die Kühle zu spüren. Ich hätte sonst keinen Meter mehr weitergehen können.

Mit 22 hatte ich die Angst zum letzten Mal. Mittlerweile bin ich 30. Ich kriege nach wie vor noch zittrige Knie, wenn sich jemand anderes übergeben muss. Aber da bin ich nicht die Einzige, viele Menschen ohne Emetophobie können das nur schwer ertragen. Damit kann ich leben und ich kann mittlerweile auch "hinter anderen saubermachen", wenn sie mir nah genug stehen.

Ich möchte gar nicht näher darauf eingehen, wie ich es genau geschafft habe. Allerdings kann ich Folgendes sagen: Bei vielen hier lese ich, dass sie sich seit 5 oder mehr Jahren nicht mehr übergeben haben. Das schürt die Angst. Bei mir wurde es erst besser, nachdem ich mich mehrmals übergeben musste (und nicht an einem Tag sondern über eine etwas längere Zeitspanne. Ich habe mich dazu auch nicht gezwungen, sondern innerhalb von einem halben Jahr zwei MDGs und eine Lebensmittelvergiftung gehabt). Da bekommt man (was ich auch oft hier gelesen habe!) die Erkenntnis, dass die Übelkeit an sich um einiges schlimmer als das Erbrechen ist. Und das man durch diese Angst, sich in diesem viel schlimmeren Gefühlszustand gefangen halten lässt. Das eine dauert nur ein paar Minuten und kratzt im Hals, das andere zieht sich über Tage und macht einen panisch, für was würdet ihr euch entscheiden?
Und je mehr man sich ab und an übergeben muss, desto mehr merkt man, dass das eine schöne Sache sein kann (oh bitte nicht falsch verstehen jetzt!). Warum sollte ich mich über Stunden quälen, wenn ich verdorbene Wurst gegessen hab und mich auf dem Sofa wälzen, um es noch ein bisschen länger rauszuzögern?

Mittlerweile übergebe ich mich pro Jahr vielleicht ein Mal, wenn überhaupt. Aber die Angst ist weg. Allein dadurch, dass ich meinem Körper wieder und wieder gezeigt habe, dass das Erbrechen nichts Schlimmes ist. Und irgendwann hat meine Psyche dann auch begriffen, dass es eine Erlösung sein kann.


Keine Ahnung, ob das hier irgendjemandem was bringt. Aber ich dachte, ich werd das mal los.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!

Liebe Grüße,

Sun Of A Gun

thomas
Beiträge: 6
Registriert: 11.01.2015, 19:36

Re: Mutmachgeschichte

Beitragvon thomas » 11.01.2015, 20:23

Hallo liebe Sonne,

Das ist alles sehr logisch, was Du sagst: warum sich quälen, wenn man sich schnell erleichtern kann. Aber es ist ja der furchtbare Geschmack, der Geruch, die Schwaeche, das in die Knie gehen müssen, das Gefuehl, nicht mehr Herr über sich selbst zu sein. kann man es nicht lernen, indem man ggf. langsam an die Sache rangeht. hast Du eine Idee?

Thomas

Benutzeravatar
mainzerin
Beiträge: 772
Registriert: 24.07.2011, 10:01

Re: Mutmachgeschichte

Beitragvon mainzerin » 12.01.2015, 00:36

hallo sonne, super, dass du geheilt bist! schade, dass du nicht näher drauf eingehen möchtest. natürlich gibts kein patentrezept, aber darf ich fragen, ob dir eine therapie geholfen hat, oder ob du dich selbst "geheilt" hast? die kinderpsychologin hat mit "muss konfrontiert werden" sicherlich recht, sowas soll bei ängsten gemacht werden, aber niemand darf zu irgendwas gezwungen werden.

zuckerl
Beiträge: 17
Registriert: 18.02.2014, 00:51

Re: Mutmachgeschichte

Beitragvon zuckerl » 12.01.2015, 11:37

Ich finde es immer wieder toll, wenn es Leute geschafft haben :top: :D Und ich freue mich auch, dass es hier erzählt wird. Das macht mir wirklich Mut!!! Danke dafür...
Ich habe mich das letzte Mal vor 13 Jahren übergeben (was falsches gegessen) und davor 11 Jahre nicht. Also bin ich wohl grundsätzlich ein Mensch, der nicht so häufig erbricht, was mir jetzt keine Sicherheit geben soll, dass es nie passieren kann. Mein Freund z.B. übergibt sich 1-2 Mal im Jahr. Du schreibst ja, dass so seltenes Übergeben die Angst schüre. Ich habe hier auch schon Beiträge gelesen, dass es auch nach dem Erbrechen nicht besser wurde mit der Angst. Deswegen bin ich da so zwiegespalten, was das Bessern durch Erbrechen angeht. Trotzdem toll, dass es dir geholfen hat! Wie Mainzerin schon geschrieben hat, fände ich es auch interessant, ob du das dann alleine geschafft hast, oder mit Therapie.
Konfrontation heißt ja nicht zwangsläufig, dass man selbst zum Erbrechen gebracht wird. In meiner Therapie wurde ich nach langer Vorbereitung gedanklich "konfrontiert" indem meine Therapeutin bestimmte Situationen beschrieben hat, die Angst in mir ausgelöst haben. Und das wird dann so oft gemacht, bis ich irgendwann keine Angstgefühle mehr habe und mein Körper nicht mehr darauf reagiert... Aber das nur am Rande :wink:


Zurück zu „Wege aus der Emetophobie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast