vermeidungsverhalten

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honey92
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vermeidungsverhalten

Beitragvon honey92 » 13.08.2015, 13:54

Ich habe die letzten Wochen das Gefühl meine Gedanken steuern meinen gesamten Tagesverlauf.ich treffe mich fast gar nicht mehr mit Leuten und wenn nur kurz.In meinem Kopf sind ständig diese fragen....was,wenn ich mich über geben muss oder umkippe......meine größte Angst ist vor den Reaktionen der anderen ,die das mitbekommen könnten.bei mir kommt dann ein richtiges Charmgefühl hoch.Es ist viel stärker ausgeprägt bei Menschen,die ich wieder sehen möchte oder ich weiß,dass man sich wieder sieht.(Schule,Arbeit)
Hat jmd Ähnlichkeit Erfahrungen?
LG honey

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Parasomnia
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Re: vermeidungsverhalten

Beitragvon Parasomnia » 13.08.2015, 15:39

Hallo honey,

ja, diese Gedanken und Probleme kenne ich auch. Sie sind zwar deutlich weniger geworden, ab und an habe ich sie aber noch immer. Man sollte sich bewusst machen, dass diesen Ängsten ein ziemlich dubioses Menschenbild zugrundeliegt: denn offensichtlich geht man ja davon aus, dass diese Menschen sehr negativ reagieren würden, wenn es dir schlecht ginge oder du dich womöglich übergeben müsstest. Man befürchtet, dass sie lachen, sich ekeln, sich abwenden, einen künftig auf alle Zeit doof finden und meiden. Aber warum? Würdest du das tun, wenn du erlebtest, dass es jemandem schlecht geht und er sich übergeben musste? Würdest du dann nicht eher fragen, ob du helfen kannst? Würdest du dir nicht eher Sorgen machen und demjenigen Besserung wünschen? WESHALB sollten andere das gerade bei DIR anders sehen und erleben? Dieser ganzen Angst in diesem Bereich liegt also schonmal ein ziemlich negatives Weltbild zugrunde.

Dagegen hilft nur, sich trotzdem in diese Situationen zu begeben und die Angst auszuhalten. Ich kann dir von zwei Erlebnissen erzählen, die mich sehr überrascht haben, weil sie völlig gegensätzlich zu dem waren, was ich offensichtlich von anderen erwarte, wenn es mir nicht gut geht.
1) Ich war beim Ohrenarzt und mir wurde auf dem Behandlungsstuhl ziemlich schwindlig. Soweit eigentlich nichts Unnormales, denn im Ohr ist bekanntlich das Gleichgewichtsorgan und wenn du gerade Wasser ins Ohr gepustet bekommst, kann das schonmal Schwindel auslösen. Ich war aber sofort panisch, weil mir schon im Wartezimmer schlecht war. Erst wollte ich mich zusammenreißen und nichts sagen, weil ich nicht den ganzen Ablauf durcheinanderbringen wollte. Ging dann aber doch nicht mehr. Und was soll ich dir sagen? Die Ärztin reagierte enorm freundlich und verständnisvoll, ich wurde auf den Gang gesetzt, mir wurde ein Glas Wasser gebracht und sie sagte: "Trinken Sie kurz was und dann probieren wir es nochmal. Und wenn's dann wieder so ist, machen wir nochmal ne Pause." Weder hat sie mich angeherrscht, ich solle mich zusammenreißen, noch hat sie über mich gelacht. Das hat mich, so blöd es klingt, tief beeindruckt, weil ich damit nicht gerechnet habe.
2) An Silvester machen wir in dem Laden, in dem ich arbeite, immer Inventur. Mir war schon morgens übel und das steigerte sich immer weiter, bis ich während der Inventur dann ganz kurz vor der Panikattacke stand. Ich habe zwischendurch noch versucht, mich selbst zu beruhigen, aber das war unmöglich. Ich dachte, entweder kotz ich gleich oder falle in Ohnmacht oder fange an zu heulen, ich habe gezittert wie Espenlaub. Und dann habe ich mich an eine Kollegin gewandt und ihr gesagt, was los ist. Dass ich eine Angststörung habe und es mir gerade gar nicht gut geht, ob sie einfach mit mir reden und mich ablenken könnte. Und das hat sie dann auch getan. Ohne zu lachen, ohne blöd zu gucken, ohne mich bescheuert zu finden. Sie hat mir erzählt, dass ihr das nicht fremd ist, dass ihr Mann Burn-Out hatte und auch Panikattacken. Und mit der Zeit und ihrem Verständnis ging es mir dann besser, die Übelkeit ließ nach und ich konnte den Arbeitstag bis zum Ende durchstehen.

Menschen sind nicht immer so, wie unsere Angst uns suggeriert. Aber diese Erfahrungen muss man erstmal machen. Und das kann man nur, wenn man sich bewusst und auch weiterhin in die "Gefahrensituationen" begibt.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
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Re: vermeidungsverhalten

Beitragvon denise* » 13.08.2015, 19:58

Hallo honey,
Ich hatte am Anfang auch das gleiche Problem und auch manchmal immer noch.
Ich habe mich total von meinem Freundeskreis zurück gezogen und war nur noch Zuhause.
Das macht das ganze natürlich nur noch schlimmer weil man Zuhause viel Zeit hat um nachzudenken.
Ich hab dann damit angefangen meinen Freunden zu erklären was mit mir los ist und sie haben es alle verstanden, keiner hat mich ausgelacht was ich vermutet hätte.
Wenn ich mit meinen Freunden was unternehme und ich mal wieder Panik bekomme sage ich meinen Freunden bescheid und sie lenken mich dann ab. Sie reden mit mir und bringen mich zum lachen und schon ist die Panik auch wieder weg.
Also ich kann es nur empfehlen mit deinen Freunden zu reden, erkläre ihnen einfach was mit dir los ist und sag ihnen am besten wie sie mit dir umgehen sollen wenn du eine Panikattacke bekommst.
Mir hat das sehr geholfen :)

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Re: vermeidungsverhalten

Beitragvon honey92 » 14.08.2015, 15:04

Danke für eure Antworten ;)
Ich habe auch schon oft versucht es den Leuten zu sagen. Meine Familie weiß z.B von meiner Problematik und da habe ich überhaupt keine Hemmungen.
Mir fällt es nur total schwer Freunden oder Bekannten davon zu erzählen, weil ich dann immer denke, sie stempeln mich als Psycho ab.
Ich habe vor ein paar Wochen jemanden kennen gelernt, den ich sehr gerne mag. Wir treffen uns manchmal aber nur für ein paar Stunden, weil ich sonst immer zu unruhig werde. Da wir uns noch nicht so lange kennen, bin ich mir nur so unsicher wie und ob ich es ihm erzählen kann.

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Re: vermeidungsverhalten

Beitragvon dariusbritt » 14.08.2015, 15:27

Also die meisten, denen ich davon erzählt habe, haben gut reagiert. Zwar sind sie oft zuerst verwirrt, weil "naja, eh.. ich glaube keiner findet Erbrechen toll?" (hat glaube ich jeder hier schon mal irgendwie gehört ;) ), aber wenn ich dann näher drauf eingegangen bin und erzählt habe, dass ich Panikattacken bekomme und zB nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren kann etc., dann haben sie doch schon verstanden, dass es nicht nur gewöhnlicher Ekel ist. Nachvollziehen können sie es zwar fürgewöhnlich nicht, aber das müssen sie ja auch gar nicht. Aber es ist hilfreich, weil man in einer akut panischen Situation nur noch erwähnen muss, dass man Panik hat und nicht dann noch lang und breit erklären muss, wieso weshalb warum.

Mittlerweile erzähle ich jedoch nur noch wenigen davon. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass ich von eingeweihten dann oft mit Samthandschuhen angefasst werden und sie bei jeder Situation stellvertretend abwägen, wie angsteinflößend es für mich sein könnte. Ziel ist ja aber ein normaler Umgang mit dem Thema. Das kann ich aber nicht lernen, wenn das Thema stets vermieden wird.

Aber wie gesagt: Anfänglich, wenn die Angst noch sehr akut und stark ist, macht es schon Sinn, nähere Bekannte einzuweihen. Und wenn man das im richtigen Augenblick (also nicht gerade auf einer Party oder so) macht, haben die allermeisten Verständnis. :)

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Re: vermeidungsverhalten

Beitragvon denise* » 14.08.2015, 15:49

Ich glaube das wichtigste ist das man es den Leuten so erklärt das sie es auch verstehen. Keiner der es nicht selber hat kann das nachempfinden, das ist ganz klar.
Ich finde es wichtig das die Freunde mit denen du öfter was zutun hast bescheid wissen und dann nicht davon überrascht werden wenn du Panik bekommst. Dann können sie ja gar nicht wissen was los ist und wissen auch nicht wie sie reagieren sollen. Glaub mir wenn du es ihnen vertsändlich erklärst wird es auch jeder verstehen.
Keiner wird dich als Psycho abstempel oder sowas.

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Parasomnia
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Re: vermeidungsverhalten

Beitragvon Parasomnia » 14.08.2015, 20:02

Keiner wird dich als Psycho abstempel oder sowas.


Jedenfalls keiner, dem wirklich etwas an dir liegt und der dich aufrichtig gern hat. Der sorgt sich, der versucht es besser zu verstehen, auch wenn er es niemals wird nachempfinden können. Du musst ja auch nicht sofort bei jedem mit der Tür ins Haus fallen und sagen: "Hey, ich hab ne Angststörung." Es geht ja um die Angst, dass dir bei einer Verabredung oder einem Termin schlecht werden könnte. Du hast Angst davor, weil du wahrscheinlich mit Ablehnung rechnest. Ich habe ja oben auch das Zusammentreffen mit der Ärztin geschildert, die nicht wusste, dass ich Angstpatientin bin. Aber sie hat gesehen, dass es mir nicht gut ging und hat verständnisvoll reagiert. Und das wird dir bei den meisten Menschen so gehen, egal, ob sie nun von deiner Phobie wissen oder nicht.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
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