Die eingebildete Kranke

Zwischenmenschliches, Schwierigkeiten durch Schule oder Arbeit, eigene Macken und die Suche nach Gemeinsamkeiten, lustige Situationen oder auch mal unangenehme... - das alles ist genau hier richtig!

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dariusbritt
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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon dariusbritt » 21.07.2015, 15:12

Da du bisher (nach eigenen Aussagen) nur selbst davon ausgehst und davon überzeugt bist, dass du an Borderline leidest, fällt es tatsächlich etwas schwer das einfach so zu glauben. Wenn es danach ginge, welche Diagnosekriterien als ich 16, hochgradig depressiv (+ Emetophobiker) war, auf mich zutrafen, dann hätte ich nicht nur eine emotional instabile, sondern auch eine schizoide, paranoide und passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung.

"Nur leider kann ich nochmal sagen: Um meine Einstellung zu verstehen, muss man mehr über mich wissen, was man übrigens durchaus erfragen kann, ich antworte drauf."

Ach bitte. Es wurden genug Fragen gestellt, die Raum für eine Erklärung deinerseits geboten haben. Und allein die schiere Menge und der Umfang an Antworten und Fragen, die du auf deine Beiträge bekommst, sollte zeigen, dass Interesse besteht, dir zu helfen. Es wäre für alle hier ein Einfaches zu sagen "Ach komm, soll sie doch machen.." und dich in Ruhe zu lassen. Das würde sicher allen hier einiges an Zeit und Kraft ersparen. Aber das tun wir nicht, weil wir genau an deiner Stelle waren und wissen, wie beschissen es ist, sich nur im eigenen Leid zu suhlen und dass es zu nichts führt.
Und zum letzten Teil... es sind immer noch etliche Fragen unbeantwortet, daher kann ich verstehen, dass anderen die Lust vergeht, Fragen zu stellen, wenn sie eh ignoriert werden.

Aber ich bin mal so naiv und tue so, als hätte noch niemand zuvor hier sein Interesse angedeutet: Was gibt es denn da mehr zu wissen? Woher kommt deine Einstellung?

Und hast du dir eigentlich etwas zum sekundären Krankheitsgewinn durchgelesen? Es macht nämlich nicht den Eindruck...

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Parasomnia
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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon Parasomnia » 21.07.2015, 19:50

Man kann sich nicht nur in eine vermeintliche Borderlinestörung verbeißen, sondern grundsätzlich in jede psychische Krankheit. Nicht, weil es tatsächlich so toll ist, daran zu leiden, sondern weil jede Krankheit auch gewisse Annehmlichkeiten mit sich bringt. Die Emetophobie eignet sich hervorragend dazu, z.B. unliebsame Dinge mit der Begründung zu meiden, es ginge einem schlecht. Weil einem ja tatsächlich schlecht ist. Man fühlt sich furchtbar. Man hat einen Grund, den man vor sich selbst besser vertreten kann als womöglich andere, tieferliegende Gründe. Indem ich dir sage, dass du dich nicht als Borderliner bezeichnen sollst, wenn das niemand jemals diagnostiziert hat, spreche ich dir nicht ab, dass es dir schlecht geht. Ich spreche dir nicht ab, dass du diese Diagnosekriterien erfüllst. Aber das tun eben viele. Das ganz allein kann ein Anzeichen sein, aber, wie gesagt, auch nicht mit 16. Es ist aber auch müßig, über Borderline oder Nicht-Borderline zu diskutieren. Alles, was ich sage, ist: Diagnosekriterien ausfüllen reicht nicht. Sich Persönlichkeitsstörungen in Eigendiagnose überstülpen, ist wenig hilfreich. Selbstdiagnosen sind immer scheiße!

Was uns zu der Auffassung bringt, dass du dir nicht helfen lassen willst, sind viele Reaktionen, die du hier bisher gezeigt hast. Auf Fragen nicht eingehen, sagen, du könntest eben alles wegen der Angst nicht tun und die Angst sei dein Lebensmittelpunkt. Auf die Frage nach professioneller Hilfe aber patzig antworten, du seist bei 12 Psychologen und in einer Klinik gewesen und nichts davon hätte geholfen. (um dann nachzuschieben, dass es da gar nicht um die Phobie ging, dementsprechend auch nichts auf dem Gebiet besser werden konnte) Und in eine andere Klinik als die, in der du schon warst, willst du auch nicht. Du wirst nach Hobbies und Interessen gefragt und antwortest erst, du hättest keine Lust, dir zwanghaft ein Hobby zu suchen, um dann zu gestehen, du hättest zwar schon Interessen, aber das wären so viele, dass du gar nicht erst anfingest, dich mit irgendwas zu beschäftigen. Auf die Frage nach Freunden und sozialen Kontakten antwortest du, da wäre nichts, weil du so ungeheuer hohe Erwartungen hättest. Tja. Professionelle Hilfe, Interessen und Hobbies, die helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken und Unterstützung durch einen Freundeskreis sind aber nunmal wesentliche Stützpfeiler, wenn man was anpacken will, was Kraft kostet. Bei allem blockst du ab. Auf die Frage, was du dir von uns wünscht, sagst du nur, du hättest gern die Überzeugung, dass deine Beschwerden psychisch sind. Die Bestätigung hat man dir schon längst gegeben, mehrfach.

Ich habe in einem anderen Thema ja gelesen, was bei dir u.a. alles los war. Dass in der Familie jemand gestorben ist, deine Mutter schwer krank war und dich das unheimlich gestresst hat. Völlig verständlich! Dass sexuelle Gewalt in deiner Vergangenheit vermutet wird. Das ist ein harter Brocken, leider kenne ich das aus Erfahrung. Das sind sicherlich alles Dinge, die die Phobie begünstigen, besonders, wenn man nie mit jemandem über all das reden konnte und es immer alles selbst und allein schlucken musste. Emetophobie, das schreibe ich jetzt einfach mal so, ohne, dass ich weiß, ob es bei dir ankommt, hat bei den meisten viel mit Kontrollverlust zu tun. So mancher ist in seinem Leben bisher mit Situationen konfrontiert gewesen, denen er ohnmächtig ausgeliefert war. Wie man letztlich ja auch dem Kotzen ausgeliefert ist. Es ist egal, ob man es will oder nicht. Wenn es passiert, passiert es. Und das gilt ebenso für Schicksalsschläge und Traumata jedweder Art. So... und ich hoffe, du schaffst es jetzt EINMAL, nicht pampig und mit mehr als drei Zeilen zu antworten. Zu sagen, was dir dazu durch den Kopf geht.
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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon ichbindeinalbtraum » 21.07.2015, 22:49

Okay. Was es noch zu wissen gibt. Meine Einstellung resultiert aus mehreren Traumata. Was den Umgang mit Menschen betrifft, würde ich sagen, hat mir 5jähriges Mobbing so ziemlich alles versaut, was man sich vorstellen kann. Ich kann mit Menschen einfach nicht mehr umgehen, das soll jetzt nicht wieder nach Ausrede klingen, es ist leider so, und ich schiebe das auch für nichts in der Welt vor, ey, wenn ich könnte, würde ich mit jedem psychisch gesunden Menschen tauschen. Sofort. Hier wurde öfter gesagt, ich widerspreche mir. Ja, das ist so. Ich bin das lebende Paradoxon. Einerseits bin ich nach außen hin total kaltherzig und abweisend, während ich eigentlich, hinter meiner Fassade der liebste Mensch bin, den ich kenne. Nach außen hin wirke ich arrogant, eigentlich bin ich total schüchtern und unsicher. Einerseits wünsche ich mir nichts mehr als die Nähe zu Menschen, andererseits dürfen sie mir bloß nicht zu nah kommen. Einerseits bin ich total naiv und leichtgläubig, andererseits bin ich hochgradig misstrauisch. Ich erfülle nicht nur ein paar Diagnosekriterien. Wenn es nur das wäre, käme ich nie auf die Idee, mir selbst was zu diagnostizieren. Ich habe schon gemerkt, dass mit mir was nicht stimmt, da kam ich gerade mal in die Pubertät. Ich kann auf die Frage "Wer bist du?" keine Antwort geben, weil ich es nicht weiß. Seitdem ich gemobbt wurde, verstecke ich mich hinter falschen Namen und Pseudonymen im Internet. Nachdem mir jahrelang gesagt wurde, wie hässlich und nutzlos ich bin, brauche ich heute ständig Bestätigung, wie schön ich bin. Sonst kann ich es selbst nicht sehen. Ich kann keine Freundschaften mehr führen, nicht mehr richtig essen, nicht mehr normal denken, und seit Jahren nicht mehr ruhig schlafen, weil mich die gestörtesten Albträume verfolgen, die ich mir vorstellen kann. Ich kann meinen Namen nicht mehr ertragen, weil er jahrelang durch den Dreck gezogen wurde. Und als wäre das alles nicht genug, bin ich dieses Jahr was meine Psyche betrifft endgültig zerbrochen. Die Liebe meines Lebens hat sich das Leben genommen, und naja, das hat auch mir in gewisser Weise mein Leben genommen. Seitdem geht nichts mehr, seitdem fällt sogar Atmen schwer und jeder Tag im Kalender scheint so sinnlos verschwendet. Ich weiß nicht, wie weit ich hier noch weiterschreiben soll. Sollte wer noch Interesse an genaueren Informationen haben, oder einfach schreiben wollen, könnt ihr mir auf Kik (@icreatecharacters) schreiben. Ich möchte meinen eigenen Zustand keinesfalls schlechter darstellen als er ist. Ich bin lediglich ehrlich zu euch und zu mir selbst.

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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon Feldweg » 22.07.2015, 02:00

uff. :shock:

ich möchte und kann JETZT nicht mehr so wirklich viel schreiben - da ich LÄNGST im Bett sein müsste - nur soviel:


" Herzlichen Dank für Deinen letzten Text " :ja: nun fängst Du für mich langsam an, " Gestalt anzunehmen" - sprich, ich bekomme eine ganz ganz leise Idee davon, wer sich hinter Deinem Nick wirklich verbirgt.

wie kommst Du eigentlich auf den Nick: " ichbindeinalbtraum" - MEINER biste mit Sicherheit nicht ;D ;D ;D

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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon Parasomnia » 22.07.2015, 09:02

Guten Morgen,

erstmal: ich danke dir wirklich, dass du diesmal mehr von dir preisgegeben hast! Danke für deine Ehrlichkeit! Das lässt ein deutlich besseres Bild von dir entstehen.

Ich bin das lebende Paradoxon. Einerseits bin ich nach außen hin total kaltherzig und abweisend, während ich eigentlich, hinter meiner Fassade der liebste Mensch bin, den ich kenne. Nach außen hin wirke ich arrogant, eigentlich bin ich total schüchtern und unsicher. Einerseits wünsche ich mir nichts mehr als die Nähe zu Menschen, andererseits dürfen sie mir bloß nicht zu nah kommen. Einerseits bin ich total naiv und leichtgläubig, andererseits bin ich hochgradig misstrauisch


Diesen Abschnitt hätte ich eins zu eins unterschreiben können, als ich 16 war und auch noch danach. Genauso wie die Frage nach meiner Identität. Das hat mich jahrelang umgetrieben. Ich erinnere mich an sehr Vieles in meiner Kindheit nicht, was, wie ich immer sicher war, unablässig wäre, um irgendein Gefühl von "Ich" zu entwickeln. Wie soll ich denn wissen, wer ich bin, wenn ich nicht einmal weiß, was mir passiert ist? Heute hat sich diese Suche etwas entspannt, obwohl ich immernoch nicht sicher sagen könnte, wer ich bin. Das wird auch eine Frage sein, die dich das ganze Leben lang beschäftigt, wenn du jemand bist, der dazu neigt, über solche Fragen zu grübeln. Und das scheinst du zu sein. Ich war damals auch sehr oft sehr abweisend, obwohl ich eigentlich das ganze Gegenteil wollte. Dass mir jemand zuhört, wenigstens einen Bruchteil dessen versteht, das sich da in meinem Kopf abspielt. Man hat mir sehr oft gesagt, ich sei arrogant. Dabei gab es Zeiten in meinem Leben, da hätte ich mir in einer Eisdiele nicht einmal ein Eis kaufen können, vor lauter Angst, ich könne mich bei irgendwas blamieren. Ich war also, wie du, eigentlich überhaupt nicht arrogant, sondern hochgradig sozialphobisch. Ich war froh, wenn ich nicht angesprochen wurde, wenn ich keine Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe, wenn ich irgendwie unsichtbar bin. Andererseits habe ich dann auch darunter wieder gelitten. Ich lasse mir von Menschen noch heute eine Menge erzählen, weil ich eigentlich nicht jeden unter Generalverdacht stellen möchte, mir etwas Böses zu wollen. Andererseits tue ich mit der phobischen Annahme, mir würde niemand helfen, wenn ich irgendwo kotzen müsste, genau das. Ich traue den Menschen nicht viel Gutes zu und bin offen und ehrlich überrascht, wenn sich mal das Gegenteil herausstellt. Warum schreibe ich das jetzt alles? Weil ich dir zeigen will, dass das, was du empfindest, kein Einzelfall ist! Und vorallendingen: dass es besser werden kann. Meine sozialphobischen Züge sind völlig verschwunden, was auch großteils daran liegt, dass ich eine dreijährige Ausbildung im Einzelhandel absolviert habe. Da habe ich tagtäglich mit so vielen fremden Menschen zu tun, dass die Gewöhnung eingesetzt hat. Mittlerweile finde ich es sogar ziemlich nett, mit (neuen) Menschen in Kontakt zu kommen.

Das mit dem Mobbing und dem Suizid deines Freundes tut mir sehr leid! Das ist wirklich hart und das kann man nicht von heute auf morgen verdauen. Dass man nach Jahren der Demütigung irgendwann glaubt, die anderen müssten damit Recht haben, dass man so ein furchtbarer Mensch ist, ist nur eine Folge davon. Man glaubt das allerdings nicht etwa deswegen, weil es wahr ist, sondern weil man eine Begründung dafür sucht, dass es passiert ist. Bei solchen Erfahrungen stellt man sich immer die Frage: Warum eigentlich ICH? Und weil es darauf keine Antwort gibt, kommt man zu dem Ergebnis: Weil es stimmt, was sie sagen. Aber das stimmt auf keinen Fall! Was auch immer sie gesagt haben - du bist kein schlechter, hässlicher, wertloser Mensch. Ich habe das auch ganz lange von mir selbst gedacht. Weil ich mein Leben nicht auf die Reihe bringe, weil ich mit meinen Problemen eine Menge Menschen unglücklich gemacht habe. Ich habe sämtliche Spiegel gemieden, weil ich mich sehr hässlich fand. Ich habe meine Mutter und die wenigen Freunde, die ich hatte, verdächtigt, mir nur deshalb nicht zu sagen, dass ich schrecklich bin, weil sie ja irgendwo mit mir verbunden waren. Welche halbwegs anständige Mutter würde ihrem Kind schon sagen, wenn sie es hässlich und ungenügend fände? Auch diese Dinge haben sich, mit der Zeit und mit einem gewissen Grundselbstwertgefühl, zurückgebildet. Ich bin bis heute nicht total begeistert von mir, ich finde mich nicht wunderschön. Aber ich kann deutlich besser und öfter als früher akzeptieren, dass ich schon ganz okay bin. Und dass ich für viele Entwicklungen in meinem Leben nicht verantwortlich bin, ich bin nicht schuld. Genausowenig wie du. Ich wäre nur dann schuld, wenn ich aufgeben würde.

Ich hoffe, du wirst mit dem Psychologen irgendwie vorankommen. Bei diesem Problemgeflecht ist das gar nicht so einfach. Wenn so viele Dinge irgendwie miteinander verbunden sind und einander beeinflussen. Auch, wenn du schon geschrieben hast, dass deine Mutter sich über dich lustig gemacht hat, würde ich gerne wissen, wie sie denn reagiert hat, als du ihr die Phobie gewissermaßen "gebeichtet" hast? Oder wie sie grundsätzlich mit deinen Problemen umgeht? Ist euer Verhältnis eher schlecht? Wie steht es mit deinem Vater, gibt es Kontakt? (ich habe Zeit meines Lebens keinen Kontakt zu meinem Vater und habe auch zusammen mit meiner Mutter gelebt) Dass deine Phobie so schlimm geworden ist, wundert eigentlich nicht. Wenn du siehst, was du alles wegstecken und verarbeiten musst, kann man das nicht allein bewältigen, die Psyche schlägt Alarm. Ich selbst war nie ein Freund großer Gefühle, Gefühle fand ich störend, ich hätte mich gern gefühllos gemacht. Wenn ich als Kind gesagt hätte, mir ginge es psychisch schlecht, hätte ich wahrscheinlich oft gehört: "Reiß dich zusammen". Also hat meine Psyche irgendwann angefangen, körperliche Beschwerden dort zu produzieren, wo es eigentlich seelische waren, die mich belastet haben. Körperliche Beschwerden sind anerkannt, dafür muss sich niemand rechtfertigen. Psychische weniger, in vielen Familien jedenfalls nicht. Und irgendwann entwickelt sich daraus der Mechanismus, bei psychischem Stress körperliche Beschwerden zu produzieren, statt seelische. Du bist also nicht mehr depressiv, sondern fühlst dich "zum Kotzen", im Sinne von: dir ist einfach ständig übel, bei jedem Schritt, den du tust. Um das irgendwann wieder aufzulösen, ist es nötig, zu erkennen, wann und warum dir schlecht wird und was eigentlich dahinter steckt. Aber ich will dich nicht überfahren mit einem halben Roman. Das soll es erstmal gewesen sein.

Ach, aber eins noch zum "sekundären Krankheitsgewinn": Du sagst, du verzweifelst an der Frage, wer du bist, du hast darauf keine Antwort. Psychische Störungen können eine willkommene Antwort auf diese totale Identitätsleere sein. Du weißt dann zwar nicht, wer du bist. Aber du weißt, dass du die bist, die Borderline hat und eine Angststörung oder eine Depression oder was auch immer. Du hast plötzlich etwas, woran du dich ausrichten kannst, so sehr du auch darunter leidest. Aber viel schlimmer fand ich es immer, überhaupt keinen Plan zu haben. Dann lieber den Plan, dass ich halt krank bin. Das bin ich, darüber versuche ich mich zu definieren.
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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon ichbindeinalbtraum » 22.07.2015, 11:36

Als ich meiner Mutter die Phobie "gebeichtet" habe, hat sie mir erstmal 'nen Vogel gezeigt. Irgendwo auch verständlich, weil, das war morgens kurz vor Schulbeginn und ich als Mutter hätte wahrscheinlich auf den Satz "Mama, ich hab Angst zu kotzen, ich kann da nicht hin" genau so reagiert. Generell geht sie mit mir und meinen Problemen aber sehr gut um, sie macht alles für mich, auch wenn ihr an vielen Ecken Verständnis für mich fehlt. In einem Bericht aus der Klinik stand, wir hätten ein symbiotisches Verhältnis zueinander. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, weiß ich nicht. Mein Vater. Ehrlich gesagt hab ich gar keinen Vater. Also, es gibt sicher einen Mann, der an meiner Zeugung beteiligt war, und der schaut auch ab und zu mal vorbei, redet mit mir und fährt wieder. Das Verhältnis zu dem ist eher humorvoll und freundschaftlich, aber niemals so, wie ein Vater-Tochter-Verhältnis. Was Borderline betrifft, ist es so. Mich regt es ziemlich auf, wenn Menschen versuchen, meinen Zustand auf mein Alter zu schieben. "Najaaa, du bist 16, da spielt schon mal was verrückt im Kopf, ist in 1-2 Jahren vorbei." Nein. Ich war im Kindergarten schon auffällig und seitdem ich denken KANN, denke ich, da stimmt was nicht. Alle meine Klassenkameraden sind früher oder später in der Pubertät, aber niemand von denen hat auch nur ansatzweise so gedacht oder gehandelt wie ich. Nie. Und auch wenn ich's jetzt noch nicht wissen kann, weiß ich, dass das in meinem Kopf auch mit 18, 20 oder 56 noch nicht anders ist. Das, was sich in meinen Gedanken und meiner Psyche abspielt, ist das Resultat jahrelanger systematischer Zerstörung. Mobbing. Trauma. Tod. Konfrontation. Die Art und Weise, wie ich über Menschen denke und mit Menschen umgehe, ist das Resultat davon, wie sie jahrelang mit mir umgingen. Das ist drin im Kopp und das bleibt. Denn, kein Psychologe der Welt kann mich das vergessen lassen, was die letzten 16 Jahre passiert ist.

Zu meinem Nutzernamen. Würde an diesem Punkt gerne eine wahnsinnig tiefgründige Erklärung dafür liefern, wieso ich mich so nenne, aber das kann ich nicht, weil's keine wahnsinnig tiefgründige Erklärung dafür gibt. Es ist einfach so. Punkt. Ich habe die heftigsten Stimmungsschwankungen, unvorhersehbare Wutausbrüche, bin eifersüchtig hoch 1000, manipulativ, ungerecht, arrogant, frech, streitsüchtig, kaltherzig und abweisend. Ich bin ein Monster und jede Form von Kontakt zu mir ist purer Psychoterror. Süß, oder?

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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon Parasomnia » 22.07.2015, 16:44

Es ist schön zu hören, dass das Verhältnis zu deiner Mutter soweit gut ist. Meine hat auch sehr viele Dinge, die so mit mir los sind, erst im Laufe der Zeit verstanden. Und sie war bei weitem nicht immer so verständnisvoll, wie sie es heute ist. Aber auch dem Umfeld muss man ja zugestehen, sich in diese Situation einzufinden. Würdest du dich denn auch deinem Vater anvertrauen, wenn das Verhältnis freundschaftlich ist oder steht ihr euch dafür nicht nahe genug? Wenn dieses Verständnis von seiten deiner Mutter da ist, kann sie dich sicher unterstützen, Dinge in Angriff zu nehmen. Sowohl die psychologische Behandlung als auch die möglichen Konfrontationen im Alltag. Denn du wirst langsam wieder lernen müssen, ein Leben außerhalb der Angst zu führen. Das geht immer nur schrittweise und nicht Knall auf Fall, aber es geht, wenn man dranbleibt. Die meisten Therapeuten erstellen mit dir z.B. im Falle einer Angststörung zunächst mal eine Angsthierarchie. Von 0 bis 10, was macht dir gar keine Angst (0) und was wäre die größte Katastrophe, die du dir vorstellen kannst (10)? Wenn diese Hierarchie erstellt ist, wird quasi "geübt". Begonnen wird natürlich mit den Punkten auf der Liste, die du tun kannst, wenn auch ein bisschen unbehaglich. Ich habe bei meinem Klinikaufenthalt an einer Angst-Gruppe teilgenommen und die zuständige Therapeutin hat es recht nachvollziehbar erklärt: Phobien sind letztlich auch antrainierte Ängste, wir haben die Angst gelernt, warum auch immer. Wir können sie auch wieder verlernen. Wer Angst vor dem Einkaufen und vielen Menschen hat, beginnt zum Beispiel damit, zum Einkaufscenter zu laufen. Das tut er solange, bis er sich damit ganz neutral und nicht mehr nervös fühlt. Dann geht er rein ins Center, hält sich vielleicht eine Weile nahe des Ausgangs auf. Tut das so lange und so oft, bis es okay ist und nicht mehr bedrohlich. So kann man sich an jede angstbesetzte Situation herantasten.

Was Borderline betrifft, ist es so. Mich regt es ziemlich auf, wenn Menschen versuchen, meinen Zustand auf mein Alter zu schieben. "Najaaa, du bist 16, da spielt schon mal was verrückt im Kopf, ist in 1-2 Jahren vorbei." Nein. Ich war im Kindergarten schon auffällig und seitdem ich denken KANN, denke ich, da stimmt was nicht.


Ob du es glaubst oder nicht, ich verstehe sehr genau, was du meinst. Ich war auch schon als Kind auffällig, ich wurde wegen psychosomatischen Fiebers verfrüht aus dem Kindergarten genommen und mit ca. sieben Jahren mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren, weil ich eine Panikattacke hatte. Ich weiß, was es heißt, in dem Gefühl aufzuwachsen, dass da im Kopf etwas nicht stimmt, immer schon. Ich will auch nicht sagen: Du fühlst dich nur so, weil du 16 bist. Absolut nicht! Aber wenn man 16 ist, sehen viele Dinge noch doppelt und dreifach so schlimm aus. Das klingt altklug, aber zieh' es wenigstens in Betracht. Es ist zwar 10 Jahre her, dass ich 16 war, aber ich weiß noch sehr gut, wie scheiße alles war. Und vieles davon ist immernoch nicht optimal. Ich will also nicht etwa sagen, wenn zwei oder drei Jahre vergehen, ist alles in Butter. Nein, das wird nicht so sein, weil deine Probleme nicht pubertätsbedingt sind, sondern deutlich tiefer liegen. ABER, mit dem Alter ändert sich in mancher Hinsicht die Perspektive. Wenn man älter wird, was schafft, auch vorankommt im Kampf gegen die Probleme, wird man einen Hauch entspannter. Du magst nicht viele kennen, die mit 16 so denken, wie du. Ich kannte damals eine ganze Menge, die waren alle in Selbsthilfeforen unterwegs. Ich will dir nicht sagen, dass das, was du empfindest, NORMAL für dein Alter ist! Aber es ist nicht unwiderruflich. Glaub mir, du wirst mit 58 nicht genauso empfinden wie jetzt. Höchstwahrscheinlich nicht einmal mit 38 oder 28. Du veränderst dich, genau, wie dein Leben sich ständig ändert. Manche Probleme werden bleiben, manche werden sich mit der Zeit abschwächen. Fakt ist doch: Du hast Probleme und es geht dir scheiße, aus guten Gründen. Weshalb dem noch irgendeinen Namen geben? Aber diese Diskussionen habe ich vor einigen Jahren oft geführt. Womöglich braucht man diese Namen manchmal auch, eine zeitlang wenigstens. Selbst, wenn du Borderline hättest, ist es irgendwann egal, wie das nun heißt, was dich quält. Ob es Borderline heißt oder PTBS oder Depression oder Angst oder was-auch-immer. Problem ist Problem und muss bewältigt werden.

Kein Psychologe würde übrigens von dir verlangen, zu vergessen, was geschehen ist. Das kann man nicht. Aber es gibt Strategien, Stück für Stück besser damit fertigzuwerden. Dir würden, glaube ich, ein paar Erfolgserlebnisse gut tun, die dich andere Dinge fühlen lassen als bloß Versagen und Nutzlosigkeit. Du hast viele Interessen, hast du gesagt. Was denn zum Beispiel? Mal ganz unabhängig davon, ob du nun sofort beginnst, irgendwas davon in die Praxis umzusetzen. Dinge, für die man sich begeistern kann, können einem viel Kraft geben. Für mich war das immer die Literatur. Du bist kein Monster. Im Laufe der Therapie wirst du hoffentlich lernen, besser mit dir umzugehen. Das ist schwer, wenn man sich so überhaupt nicht ausstehen kann, aber es fängt schon dabei an, wie man über sich redet. Ich habe früher jeden Nebensatz genutzt, um mich irgendwie kleinzumachen. Das trägt natürlich dann auch dazu bei, dass es so bleibt. Man bestätigt sich selbst immer wieder. Stattdessen sollte man eigentlich langsam, ganz langsam, beginnen, Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln. Kein Mitleid, es soll nicht steckenbleiben bei: "Oh Gott, was ich alles hab durchmachen müssen!!", ... aber man lernt irgendwann, dass man sich selbst nicht genauso mies behandeln muss, wie man selbst behandelt worden ist.
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Re: Die eingebildete Kranke

Beitragvon ichbindeinalbtraum » 23.07.2015, 22:55

Okay, "viele Interessen" war vielleicht ein wenig übertrieben. Ab und zu hab ich mal Phasen, in denen ich ein temporäres Interesse für gewisse Themen aufbringen kann. Das basiert aber auf Oberflächlichkeit und setzt auch voraus, dass ich eine gute Internetverbindung habe. Denn, so ziemlich alles, was ich mache, endet irgendwie irgendwann im World Wide Web. Das Einzige, was mich wirklich richtig interessiert, ist meine Liebe. Sein Leben und vor allem sein Tod. Wenn ich darüber nachdenke, hab ich Gänsehaut wie sonst was. Aber darüber kann ich nicht wirklich viel sagen, da fehlen mir die Worte.


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