Ein bisschen Mut machen mit meiner Geschichte

Zwischenmenschliches, Schwierigkeiten durch Schule oder Arbeit, eigene Macken und die Suche nach Gemeinsamkeiten, lustige Situationen oder auch mal unangenehme... - das alles ist genau hier richtig!

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LilaDecke
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Ein bisschen Mut machen mit meiner Geschichte

Beitragvon LilaDecke » 14.12.2014, 15:21

Ich dachte mir, ich schreib jetzt mal meinen positiven Bericht hier, gerade um den jüngeren unter euch Mut zu machen.

Ich fand Erbrechen schon als Kindergartenkind eklig und furchtbar. Es gab mehrere Situationen zu der Zeit, wo ich gezwungen wurde, dort zu bleiben und nicht meinem Ekel nachgeben durfte.
Mit 12 hatte ich die erste Phase, ständige Übelkeit. Man nahm mir die Mandeln raus, da es angeblich von den ständigen Anginas kam. Es wurde auch besser.
Mit 17 ging es langsam wieder los. Erst oft Bauchweh, dann dauernd Übelkeit, Schwindel. Ich zog mich immer mehr zurück. Gingen Freunde aus, blieb ich mit Bauchweh daheim. Es wurde schlimm. Ich ging erst nicht mehr ohne MCP, Korodin, Spucktüte, Wasser, Bonbons, Kaugummi aus dem Haus, später nicht mal mehr in den Keller ohne meinen Rucksack!!
In der Schule fehlte ich immer öfter. Ich rannte von Arzt zu Arzt, ließ mir den Blinddarm rausnehmen- nichts half. Mir war dauernd übel, ich saß oft nächtelang im Bad aus Angst ich muss erbrechen. Neben meinem Bett stand immer ein Eimer. Ich aß nur noch Salzstangen mit Frischkäse weil ich wusste, das vertrage ich. Ich hatte solche Angst vor alldem. Ich nahm sehr stark ab, war am Ende auf 43 kg bei 1,71...

Ich verließ das Haus nur noch im absoluten Notfall, fuhr nicht mehr Auto, kein Einkaufen, Kino, Urlaub...

Mit 18 sagte mir dann der 10. Arzt, ich soll zu einer Psychologin. Ich war so wütend, die stempeln mich als Psycho ab??

Aber ich tat es, fand meine sagenhafte Therapeutin.

Anfangs wurde es schlimmer. Ich hatte jetzt endlich einen Namen für all das: Angststörungen mit Klaustrophobie und Emetophobie. Ich ruhte mich darauf aus. Ich ließ mich vom Unterricht befreien, lernte zuhause. Klausuren durfte ich in Extra-Zimmern schreiben. Ich nahm dafür ein leichtes Benzo, um es durchzuhalten. Der Mülleimer stand immer neben meinem Tisch...

Ich schaffte das Abi, und ich begann zu jobben. Vor allem aber machte ich mit der Therapie weiter (Gesprächstherapie, Tiefenpsychologisch, plus Autogenes Training).

Mit 20 begann ich eine 2-jährige, rein schulische Ausbildung- und es ging! Ich ging wieder zur Schule, fuhr mit der Bahn dort hin, machte meinen Abschluss. Meinen Rucksack mit den Medikamenten aber immer im Schlepptau...

Mit 22 begann ich dann richtig zu arbeiten. Auch das ging immer besser, nur gegessen habe ich den ganzen Tag lang nichts.
Einem sehr einfühlsamen Kollegen habe ich meinen ersten Besuch in der Kantine zu verdanken. Wir gingen am Ende der Mittagszeit, nur paar Pommes essen. Er wusste natürlich nix von meinen Problemen aber ich glaube er hat es gespürt.

Der Job wurde intensiver, ich machte plötzlich 10 Tage Dienstreisen mit anstrengendem Programm - und es ging!!!

Ich merkte plötzlich wie stark ich geworden bin, indem ich manche Dinge "einfach gemacht" habe, ein bisschen "Schietegal" Einstellung, wenn es kommt dann kommt es eben!

Ich lernte meinen Mann kennen, heiratete (und am Hochzeitstag war mir sooooooo schlecht...). Wir fingen an zu Reisen, 12 Stunden Flug- und es ging!!

Vor 2 Jahren kam dann unsere Tochter zur Welt, ein so ersehntes Wunschkind. Mir war schon übel in der Schwangerschaft und bei der Geburt hatte ich auch am meisten Angst vor möglichem Erbrechen, aber ich hätte es hingenommen wenn es passiert wäre (ist aber zum Glück nicht).

Ja, rückblickend hätte ich damals mit 18 nie gedacht dass ich das alles schaffen würde. Ich habe immernoch manchmal "Krücken", im Flugzeug sitze ich immer am Gang, habe Kopfhörer dabei und Wick Vaporub.

Und doch bin ich hier, weil die blöde Emo mich nicht loslassen wollte. Ich habe ein Kind und es kommt nun mal vor dass Kinder kotzen. Aber ich bin sicher, auch hier wird es einen Weg geben. Die weiteste Strecke hab ich ja irgendwie schon geschafft... Ich hab Panik und Herzrasen wenn meine Tochter erbricht und muss da noch fett dran arbeiten, aber ich habe zB keine Angst mehr was mich selbst betrifft- ich weiß ich kann damit umgehen.

Sucht euch einen guten Therapeuten, legt euch ein trotziges "du kannst mich mal" zu, was die Angst angeht. Auch wenn es noch so ausweglos erscheint, es geht, man kommt da raus.

traeumchen
Beiträge: 6
Registriert: 09.12.2014, 23:49

Re: Ein bisschen Mut machen mit meiner Geschichte

Beitragvon traeumchen » 18.12.2014, 11:54

Wow was ein super Text :)

Danke für die motivierenden Worte :)

tinakay
Beiträge: 6
Registriert: 31.12.2014, 13:36

Re: Ein bisschen Mut machen mit meiner Geschichte

Beitragvon tinakay » 31.12.2014, 14:31

Du sprichst mir aus der Seele liebes.. Genauso habe ich meine Kindheit und Jugend auch empfunden.. Zwischen 14 und 18 fand ich die emo besonders schlimm. hast du auch ich habe inzwischen einen Sohn. Hast du eigentlich mal in der zeit erbrechen müssen?

Sophie23
Beiträge: 34
Registriert: 28.11.2014, 19:57

Re: Ein bisschen Mut machen mit meiner Geschichte

Beitragvon Sophie23 » 31.12.2014, 16:14

Liebe Lila Decke,


auch ich möchte dir für deinen Beitrag danken. Er macht Mut! Ich kenne das Gefühl, sich
keine "normale" Zukunft vorstellen zu können und leider begleitet es mich momentan
wieder öfter, aber dank Erfahrungsberichten wie dem von dir motiviere ich mich immer
wieder positiver in die Zukunft zu schauen.

Ich glaube Hoffnung und Zuversicht sind bei einer Angsterkrankung das A und O zur Heilung.
Wenn man sich einredet und davon überzeugt, dass es nie mehr besser wird, dann hängt
man ganz tief unten. Wenn man sich aber - auch und gerade in den schlechten Zeiten - immer
wieder vor Augen führt, dass es für jeden von uns eine Zukunft und auch glückliche angstfreie
Zeiten geben wird, dann geht schon alles irgendwie ein bisschen besser.

Liebe Grüße und einen guten Rutsch
Sophie


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