Machtlosigkeit

Zwischenmenschliches, Schwierigkeiten durch Schule oder Arbeit, eigene Macken und die Suche nach Gemeinsamkeiten, lustige Situationen oder auch mal unangenehme... - das alles ist genau hier richtig!

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dadiweb
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Machtlosigkeit

Beitragvon dadiweb » 21.09.2012, 14:55

Mir ist aufgefallen, das viele von euch als eines der Dinge, die euch am meisten beim Erbrechen erschrecken, ein Gefühl der Machtlosigkeit angeben.

Wie geht es euch hiermit, wenn andere erbrechen? Ich habe generell fast mehr Angst, wenn es anderen schlecht geht, nicht nur weil ich mich potentiell anstecken könnte, sondern gerade wegen diesem Hilflosigkeits/Machtlosigkeitsfaktor. Ich weiss nicht, wie das bei euch ist, aber in meinem Gehirn sind die meisten Gelegenheiten, in denen ich andere Leute beim Erbrechen gesehen habe, eingeprägt wie in Stein, und fast immer stehen die am stärksten hervor, bei denen die Personen sich selbst zu schämen oder einfach vollkommen durcheinander schienen, weil ihnen das passierte. An die Gelegenheiten, wo es um solche Menschen ging, die sehr nonchalant erbrechen, so nach dem Motto "sorry, ich kotz mal kurz, komm gleich wieder und esse weiter" erinnere ich mich zwar, und in den betreffenden Momenten erschreckte es mich wohl auch, aber kein Vergleich mit denen, wo es um Leute ging, die vollkommen fertig waren vorher/währenddessen/danach.

Ich weiss nun nicht, ob es einfach ist, weil ich mich in den "hilflosen" mehr identifiziere, sie spiegeln quasi meine eigenen Ängste vor Kontrollverlust wieder, oder ob das generelle Thema der Macht/Hilflosigkeit da mitspielt. (Ich wurde als Kind sexuell missbraucht und trotz Therapie hab ich immer wieder mal mit den psychischen Folgen davon zu kämpfen).

Es würde mich wirklich interessieren, was euch am meisten erschreckt wenn andere sich erbrechen. Meine meisten Emo-Freunde haben eigentlich vor allem Angst, sich anzustecken, sobald sie sicher sind dass es sich nur um Trunkenheit/Reisekrankheit usw handelt, interessiert es sie viel weniger.

expanse
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Re: Machtlosigkeit

Beitragvon expanse » 21.09.2012, 15:05

Huhu, also mir bleiben die Kotzerlebnisse von anderen auch mehr hängen, die daraus einen großen Akt gemacht hab en. Hier mal beispiele: Bei einem Praktikum hat eine Mitarbeiterin gebrochen und da smehrmals, es ging ihr wirklich schlecht und sie kam zur Arbeit, weil sie nciht alleine sein wollte. Meine andere Mitarbeiterin hat sich darüber aufgeregt hinter ihrem rücken und mich die ganze Zeit vollgelabert: hoffentlich werde ich nicht krank, ich wollte am wochenende weg etc. und auch die Kranke hat alle 5 Minuten erwähnt, wie shclecht es ihr geht. Demnach hat mich dieses Erlebnis sehr mitgenommen, ich ging da nicht mehr auf Toilette, zog mch ins hinterste zimmer zurück, hatte alle 5 Minuten Desinfektionsspray, das gng 2 Wochen lang so.
Anders war es bei meiner jetzigen Arbeit: Meine Ex Kollegin hatte es 2 Wochen mit dem Magen, kam zur Arbeit aber machte keinen Akt draus, sogar als die meinte, sie habe Norovirus, wie ihre Familie, machte mir das nicht so viel aus wie die Geschichte oben.

Auch bei mir ist es so, dass ich nur Angst habe, wenn ich mich anstecken könnte. Bei Alkohol, Schwangerschaft, Kirmes habe ich bei anderen keine probleme. Wenn ich aber nicht weiß, warum sie brechen, bekomme ich angst, dass es ein virus sein könnte und amche einen Bogen ;)

>LG
Liebe Grüße aus dem schönen Unterfranken :)

entschuldigt eine Tippfehler :/ ich bin manchmal so schnell im schreiben, dass das leider oft passiert :/ ^^

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Parasomnia
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Re: Machtlosigkeit

Beitragvon Parasomnia » 21.09.2012, 15:06

Obwohl ich auch Angst davor habe, wenn andere sich übergeben, habe ich mir noch keine intensiven Gedanken darum gemacht, was mich eigentlich in diesem Zusammenhang am meisten ängstigt. Meine eigene Angst habe ich gut durchleuchtet. Ich habe bei mir festgestellt, dass ich wenig Angst habe, mich anzustecken. Oder dass die Angst dieselbe ist, wenn Leute in meinem Umfeld aufgrund wenig virulenter Gründe (Migräne, Alkohol, was auch immer) kotzen. Ich habe nur festgestellt, dass es mich eher wütend macht, wenn Leute aus Alkoholgründen kotzen. Denn dann mischt sich automatisch der Gedanke hinein: "Meine Güte, konnte derjenige sich nicht besser im Griff haben und gar nicht erst soviel trinken, dass er kotzen muss?" Ich habe ein großes Problem mit Kontrollverlust und sehe es - jedenfalls, was einzelne Themenbereiche anbelangt - auch sehr ungern, wenn andere Leute sie verlieren. Ansonsten ist es möglicherweise tatsächlich eine Sache von Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. So ganz passend scheint mir das für mich aber dennoch nicht zu sein. Ich werde mir noch darüber Gedanken machen.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
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Re: Machtlosigkeit

Beitragvon Ohlone » 22.09.2012, 17:48

Die Emo hat ganz viel mit Macht- und Kontrolllosigkeit zu tun. Es geht im Grunde darum, dass die unbewusste Haltung "Wenn ich etwas nicht kontrollieren kann, könnte es mir schaden" da ist. Die hat sich aufgrund von frühen Erlebnissen in Der Kindheit festgesetzt und das Kotzen ist einfach zum Symbol dessen geworden. Etwas das im Grunde harmlos ist - was man auch als Kind irgendwie schon weiss. Es ist eine Art unbewusster Tausch, den Schrecken vor dem schlimmen Kontrollverlust (von außen, z.B. emotionaler/körperlicher/sexueller Mißbrauch, von innen, z.B. starke Gefühle die mit der Lebensrealität des Kindes nicht vereinbar sind, extreme Wut auf Bezugspersonen, etc.) gegen etwas so Banales auszutauschen und dort auszuleben. Die Emo ist somit eigentlich völlig unwirklich, sie war jedoch als Schutz so wichtig, dass wir sie behalten mussten.

Wie wir im Hier und Jetzt reagieren, wenn uns jemand vor die Füße kotzt oder wir selbst dran sind, ist nur die Fortführung der Prägung, die wir uns selbst geschaffen haben. Es ruft das Gefühl der totalen Machtlosigkeit wieder hervor, dass wir eigentlich mit Hilfe der Emo verdrängen wollten.

Ich bin in einer Familie mit einem sehr belasteten emotionalen Klima aufgewachsen. Für mich wurde die Emo zur Projektionsfläche für all die (negativen) Gefühle, die ich nicht zuordnen konnte oder die nicht sein durften. Ich hab sie bis ich 30 wurde nie hinterfragt und was mich eigentlich an den Punkt gebracht hat, mich mal selbst auseinanderzupflücken war nicht die Emo, sondern negative Beziehungserfahrungen. Und genau da liegt nä,lich die Flinte im Korn: Die Emo ist ursprünglich ein Ventil, um eine schädliche Beziehung aushalten zu können, der wir machtlos ausgeliefert waren. Das ist das eigentliche Thema und daran sollte man arbeiten!

silvy1978
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Re: Machtlosigkeit

Beitragvon silvy1978 » 23.09.2012, 11:23

Hallo!

Ohlone beschreibt es mal wieder wunderbar! :D

Bei mir ist es ganz klar auch das Gefühl der Machtlosigkeit bzw. des Ausgeliefert seins, wenn ICH mich erbrechen muß.
Wenn andere sich erbrechen, hab ich natürlich wahnsinnige Angst, daß ich mich anstecken könnte. Wenn ich aber merke, daß derjenige nicht aus Krankheitsgründen spuckt, macht es mir (fast) nichts aus.

Ich betreue einen Jungen, der sich mehrmals in der Woche heftig übergeben muß -und ich bin live dabei und muß alles sauber machen. :?
Bei den ersten Malen, als noch nicht klar war, warum er erbricht, war ich angespannt/fast panisch, kurz vor dem Heulen (o.k, ich hab geheult...) und wollte nur noch weg - aus Angst, mich anzustecken.
Jetzt nehme ich es hin, der arme Kerl tut mir total leid und ich tröste ihn natürlich. Wenn andere Schüler brechen, bin ich weg! :tongue:
Wenn mein eigenes Kind sagt, es wäre ihm schlecht, oder es hat Bauchweh, dann bekomm ich die Panik! :shock: Ich weiß zwar, daß ich es mit meinem Kind durchstehen könnte, ich weiß ja, was zu tun ist, aber ich weiß auch, daß es mir damit danach sehr schlecht gehen würde...


Jetzt im Sommer ging es mir relativ gut - aber mir graut schon vor dem Herbst/Winter! Ich habe jetzt schon Angst, vor der Magen-Darm-Grippe-Welle! :(

LG,
Silvy

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dadiweb
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Re: Machtlosigkeit

Beitragvon dadiweb » 23.09.2012, 17:11

silvy1978 hat geschrieben:
Jetzt nehme ich es hin, der arme Kerl tut mir total leid und ich tröste ihn natürlich.


Für mich ist es gerade schlimm wenn mir jemand so furchtbar leid tut.. da bin ich wie gelähmt und kann überhaupt nichts machen!


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