Phobie urplötzlich wieder da und ich bin machtlos

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annukka
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Phobie urplötzlich wieder da und ich bin machtlos

Beitragvon annukka » 07.07.2012, 22:22

Ok, superlanger Post, bitte seid mir nicht böse, aber ich trage es so lang mit mir rum und muss es nun doch loswerden:

Ich hatte euch ja vor etwa eineinhalb Jahren erzählt, dass ich merke, wie die Phobie langsam zurückkehrt, sehr langsam damals und noch wenig beeinträchtigend.. Vorher hatte ich jahrelang ein wunderbares Leben, die Phobie war fast perfekt verschwunden.
Aber in letzter Zeit , d. h. seit etwa 1 1/2 Monaten, bin ich sehr im Stress und dann ist auch noch etwas sehr Schlimmes in meinem Umfeld passiert, was mich seelisch sehr belastet... Ich kann es nicht direkt darauf zurückführen, aber seitdem ist die Phobie wieder aktiv und fit wie ein Turnschuh. Nur ganz anders als früher, sodass ich dem mit den bewährten Mitteln völlig machtlos gegenüber stehe. Es hat etwas damit zu tun, dass ich auf den Stress (zeitverzögert und unvorhersehbar) mit massiven Magen-Darm-Beschwerden und Übelkeit reagiere, was zu Panik führt. Ich weiß nicht was schlimmer ist, die Panik, die momentane Situation oder die Beschwerden. Natürlich bedingt es sich alles. Es geht soweit, dass ich manchmal abends etwas Angst und Bauchweh habe, dann aber ganz ruhig einschlafe... und drei Stunden wie aus dem Nichts aufwache mit tierischem Durchfall und Magenkrämpfen sowie der entsprechenden Panik dazu... Und dann komme ich für Stunden nicht mehr ins Bett, auch vor Schreck, weil ich dann doch immer davon überrascht werde.

Medikamente helfen nicht, ich glaube einfach nicht mehr daran und finde sie ohnehin schädlich, sowie ich auch an gar nichts anderes mehr glaube, was mir sonst in einer Paniksituation Beruhigung verschafft hat, ob nun Tee, Ablenkung, Fenster öffnen etc... Tief durchatmen hilft auch nicht, stattdessen wird mir davon total schwindelig, sodass es nur schlimmer wird. Wahrscheinlich grenzt es schon an Hyperventilation bei mir :D Das einzige was hilft, wenn es denn geht, ist, die Situation bzw. den Ort zu verlassen, an dem ich akut bin. D. h. wenn ich z.B. gerade Menschen um mich habe, die davon nichts wissen sollen oder wenn ich aus der Situation eigentlich gar nicht rausKANN, was die Panikattacke paradoxerweise verschlimmert. In der Uni zum Beispiel kann ich nicht einfach rausrennen wegen Durchfall... Mit Verwandten am Tisch muss ich essen und mich unterhalten, auch wenn ich am liebsten einfach gehen würde. Ich stelle auch den Anspruch an mich, das nicht zu tun, weil mir meine Mutter (Ärztin) neulich gesagt hat, dass man den Ängsten nicht nachgeben darf, weil sie dann immer mehr Raum einnehmen. Das klingt für mich plausibel, also versuche ich es. Ist ja so schon schlimm genug. Wenn ich mich dann aber doch zwangsweise der Situation entziehe, wird es mitunter schlagartig besser... Vermeidungsverhalten im vorausschauenden Sinn ist jedoch nicht mein Problem, ich tue alles, was ich vorher auch getan habe, nur bereue ich es dann im Nachhinein mitunter... Das heißt, ich gehe vergnügt essen - und finde mich dann in besagtem Dilemma, einigermaßen überrascht. Dabei ist es, als stünde ich neben mir, kopfschüttelnd, mit den Worten: "Das bist doch nicht du, sowas passiert dir doch eigentlich nicht mehr."
Mein Problem ist also das hineinsteigern, ich weiß es auch, aber ich habe es null im Griff. NICHTS hilft. Kein Gedanke kann das unterbrechen, es wird immer nur schlimmer!

Die Zwickmühle ist vor allem, dass ich gerade soviel um die Ohren habe, so viel bewältigen und zu leisten habe, dass ich mir eigentlich keinen einzigen Aussetzer erlauben kann. Ich wollte so viel schaffen und bin stattdessen so im Rückstand oder habe an vielen Stellen einfach versagt, konnte nicht adäquat für andere da sein. Und ich fühle mich so schuldig dafür, dass ich die Phobie nicht im Griff habe. Wie die Versagerin des Jahrzehnts... Ich verliere richtig meine Selbstachtung.
Momentan gehe ich noch davon aus, dass es temporär ist, sich wieder gibt, wenn der größte Stress rum ist. Hoffentlich.
Dann widerum kann diese geringe Stresstoleranz es ja auch nicht sein, das Leben bringt noch Schlimmeres mit sich und ich habe Angst, damit nicht mehr umgehen zu können bzw. nun immer diese Phobieattacken erleben zu müssen, wenn ich eigentlich all meine Nerven brauche. Und das macht mir solche Angst. Es heißt ja, Menschen messen sich daran, wie sie reagieren, wenn es hart auf hart kommt. Das gibt dann ne sehr traurige Bilanz für mich. Ich will so schwach, so gesellschaftsunfähig nicht sein! Ich will stabil sein, stark, zuverlässig, zumindest halbwegs geistig gesund... -.- Und die letzten Jahre dachte ich, ich sei es endlich, aber da hab ich mich wohl mal wieder zu früh gefreut...
Und ich versuche immer noch, jeden Tag und jede Nacht aufs Neue optimistisch zu sein - und dann enttäusche ich mich doch wieder selbst. Ich schäme mich so dafür.

Ich wollte euch fragen, ob ihr Tipps habt?
P.S. in Therapie kann ich aus beruflichen Gründen nicht gehen. Ich muss es sozusagen alleine therapieren :D

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Parasomnia
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Re: Phobie urplötzlich wieder da und ich bin machtlos

Beitragvon Parasomnia » 08.07.2012, 11:13

Annukka, das klingt ja ziemlich anstrengend. Kann mir vorstellen, dass du da jetzt erstmal komplett ratlos bist.

Was mir zuerst aufgefallen ist - du gehst viel zu hart mit dir ins Gericht! Du sprichst von Versagen, dass man einen Mensch ja an seinen Taten messen würde und du da eine sehr traurige Figur abgibst. Warum? Weil du nachts Angst und tatsächlich Beschwerden hast? Ist ja nicht so, dass du gar keine Probleme hättest körperlich, offensichtlich hast du ja wirklich heftigen Durchfall und Krämpfe. Da würde ich mich auch erschrecken und vorsichtig werden tagsüber, man kann ja nie wissen, obs plötzlich wieder anfängt. Du erwartest viel zuviel von dir, du setzt dich unnötig unter Druck, was die Situation mutmaßlich noch um ein Vielfaches verschlimmert.

In der Uni zum Beispiel kann ich nicht einfach rausrennen wegen Durchfall...

Vielleicht nicht rausrennen, aber natürlich kannst du rausgehen. Das würde doch jeder tun, wenn er Durchfall hätte. Oder habe ich dich da jetzt falsch verstanden und du meintest eigentlich, dass du nicht einfach der Uni fernbleiben kannst? Wurden deine Beschwerden, die du jetzt hast, denn mal ärztlich abgeklärt? Man kann natürlich davon ausgehen, dass diese Symptome in Reaktion auf die Belastungen entstehen, denen du ausgesetzt bist, aber abklären sollte man es schon. Wielange geht das denn jetzt schon? Und darf ich fragen, was diese belastenden Dinge im Moment sind? Kann man da irgendwo den Druck rausnehmen oder nen Gang runterschalten?

Die Zwickmühle ist vor allem, dass ich gerade soviel um die Ohren habe, so viel bewältigen und zu leisten habe, dass ich mir eigentlich keinen einzigen Aussetzer erlauben kann.

Ich muss das auch erst lernen, aber - man kann sich das immer erlauben, wenns um die eigene Gesundheit geht! Es nützt keinem irgendwas, wenn du immer und immer wieder deine eigenen Grenzen überschreitest. Keiner wird dir das danken. Du musst ja nicht gleich monatelang ausfallen, aber ein paar Tage Ruhe täten dir vielleicht ganz gut. Dich mal wirklich aus diesem ganzen Stress rausnehmen. Weshalb glaubst du, dass das im Augenblick komplett unmöglich ist? Was hindert dich? Ich habe auch ganz oft gedacht: Ich kann doch jetzt nicht ... doch, man kann. Wieso kannst du aus beruflichen Gründen nicht in Therapie gehen?

Ich wünsch dir, dass du etwas zur Ruhe kommst!
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(Hannes Wader)

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Re: Phobie urplötzlich wieder da und ich bin machtlos

Beitragvon MamaVanni » 10.07.2012, 13:11

Habe letztens etwas in einem Buch gelesen, was hier ganz gut passt.

Stell dir vor, das Leben besteht aus 5 Kugeln, Arbeit, Gesundheit, Familie, Freude und Rechtschaffenheit.

Die Kugel Arbeit ist aus Gummi, sie wird immer wieder hochschnellen. Alle anderen sind aus Glas- wenn man sie fallen lässt, sind sie unwiderruflich zerstört...
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewißheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.
Vaclav Havel


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