Nimmt hier jemand Neuroleptika?

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blondeulli
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Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon blondeulli » 13.08.2014, 10:37

Hallo an alle,

ich wollte mal fragen, ob hier jemand ein Neuroleptikum gegen die Emo nimmt und wie die Erfahrungen sind.

Ich nehme seit ca. 7 Jahren Sulpirid, was mir die meiste Zeit sehr gut geholfen hat. Leider habe ich es mehrmals nicht geschafft, dies wieder abzusetzen :cry:

Ich schleiche es über mehrere Wochen aus und dann dauert es einige Zeit ohne Medi, bis ich wieder die vollen Beschwerden bekomme.

Hat jemand das gleiche Problem? Komme ich nochmal irgendwann davon weg?

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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon Ohlone » 13.08.2014, 22:24

Hallo ! Da die Ursache für die Angst kein medizinisches Problem ist, kann auch kein Medikament sie beheben. Sulpirid beruhigt zwar, löst das Problem aber nicht. Hast du schonmal über eine Psychotherapie nachgedacht, um an die Wurzel der Angst zu kommen? Nur da lässt sie sich auflösen, so dass Medikamente unnötig werden.

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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon blondeulli » 14.08.2014, 18:32

Hallo Ohlone,

vielen Dank für deine Antwort!

Ich bin seit April in psychotherapeutischer Behandlung. Meine Therapeutin geht fest von einer Angsterkrankung aus.

Gleichzeitig wurde die Möglichkeit einer Histamin-Intoleranz (ist eine Nahrungsmittelunverträglichkeit) in Erwägung gezogen. Leider gibt es keine diagnostischen Möglichkeiten, um diese Unverträglichkeit einwandfrei festzustellen. Sie lässt sich eigentlich nur mit einer histaminarmen Diät feststellen, die ich dann auch durchgeführt habe. Leider wurden die Beschwerden unter der Diät nicht weniger, im Gegenteil, es ging mir immer schlechter, bis ich dann wieder zu diesem Neuroleptikum gegriffen habe und das hat sofort angeschlagen. Innerhab von Stunden wurden meine Beschwerden weniger und nach ca. drei Tagen konnte ich auch wieder normal essen, ohne Übelkeit usw.

Ich bin aufgrund dieses Verdachts der Intoleranz dann einer Gruppe bei facebook beigetreten. Dort ist man der Meinung, dass ich doch die Intoleranz haben könnte und die Symptome durch das Neuroleptikum unterdrückt werden. Jetzt bin ich erwas verunsichert, will ja nicht meine Psyche behandeln, wenn es in Wirklichkeit eine körperlich Ursache gibt.

Vielleicht mache ich zu dem Thema hier auch nochmal einen neuen Thread auf, es könnte ja sein, dass sich jemand damit auskennt?

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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon Sase » 15.08.2014, 10:27

Ich stimme Ohlone zu - Medikamente alleine heilen nicht, sondern sind eine Stütze.

Und: Na, also wenn du echt nach Plan strikt eine histaminarme Diät gemacht hast und deine Beschwerden sich sogar verschlechterten(!), spricht das dann für eine Histaminintoleranz? Und wie steht das mit dem Neuroleptikum in Verbindung - hast du das abgesetzt und dann direkt die Diät gemacht? Oder die Diät während des Mittels (aber dann wäre diese Begründung mit "es unterdrückt die Intoleranz" ja irgendwie ziemlich widersprüchlich, wenn es dir dann sogar schlechter ging...).
Wie kamst du denn auf den Verdacht, Histaminintolerant zu sein?

Das deine Therapeutin von einer Angsterkrankung ausgeht, ist doch schon mal eine gute Basis. Was schlägt sie vor? Kannst du diesen Gedanken denn annehmen oder wehrst du dich innerlich?
Angst verbirgt sich häufig hinter körperlichen Beschwerden (ähnlich wie bei einer Depression auch) - man hat dann subjektiv das Gefühl, dass diese Beschwerden eigentlich dazu führen, dass man Angst hat oder eben immer depressiver wird. Das ist die Tücke, denn in der Regel ist es genau andersherum. So lange man sich dann an dieser Symptomebene hangelt (was auch das ist, was die "Psyche" zum Schutz erreichen will), widmet man sich den zu Grunde liegenden psychischen Ursachen nicht. Für die Psyche ist es aber leichter die ANgst und Beschwerden zu ertragen, als zu ertragen, was wirklich tief im Innern schlummert. Angst/Beschwerden haben dann quasi eine "Deckmantelfunktion". Man beschäftigt sich dann bildlich gesprochen die ganze Zeit damit, dass der Mantel irgendwie nicht warm genug ist, eigentlich auch kratzt, aber man macht ihn nie auf und stellt fest: Oh, huch ich hab ja nur nen Badeanzug an und das bei -20°C - kein Wunder dass mir mit dem Mantel kalt ist! Und dann die Frage: Warum zum Henker renne ich eigentlich bei -20°C mit nem Badeanzug rum, was ist denn da verkehr bei mir....
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Re: blondeulli

Beitragvon Ohlone » 15.08.2014, 11:04

Hi! Ich klinke mich mal kurz in den Thread ein, weil mir auch aufgefallen bist, dass du sehr auf das Symptom Übelkeit fixiert bist. Gerade zu Anfang meiner eigenen therapeutischen Auseinandersetzung war das bei mir auch der Fall. Jahrelang war meine Rechnung so, dass ich dachte, mein Problem hört auf wenn die körperlichen Symptome weg sind. Irgendwo innen drin wusste ich aber auch, dass es irgendwie alles auf die Angst zurückläuft und der ganze Mist ohne die Angst nie entstanden wäre. Jahrelang hatte ich furchtbare Magenprobleme, die ich gar nicht unbedingt als Übelkeit erlebte, sondern nur phasenweise. Meistens war es einfach nur unangenehm, aber ich hatte mich damit arrangiert.

Ich war erstmal ziemlich vor den Kopf gestoßen, als mein Therapeut mir nahelegte, dass ich gegenüber meinen Symptomen toleranter sein sollte und lernen sollte, sii einfach da sein zu lassen, sie nicht abschalten zu wollen und TROTZ der Beschwerden aktiv zu sein. Das war gar nicht so leicht, zumal die Probleme immer dann stark waren, wenn ich vor irgendeiner Herausforderung stand oder es um Nähe zu anderen Menschen ging. Irgendwann erkannte ich dann, dass die Beschwerden ein Schutz für mich waren, denn sie erlaubten mir, mich immer zurückziehen zu können, wenn ich es wollte, keine echte Nähe zulassen zu müssen, ohne dass ich mir Gedanken über tiefere Gründe machen musste. Das ganze eröffnete sich mir nur langsam Stück für Stück, aber im Laufe der Zeit konnte ich die Situationen und die eigentliche Not dahinter immer klarer sehen. In meiner Herkunftsfamilie gab es keinen Rückzug. Ich musste immer funktionieren und auf die Schwingungen in einem nach innen hin ziemlich kaputten Elternhaus reagieren, was nach außen aber nie deutlich wurde. Die Emo und die furchtbaren Bauchsymptome waren eine alte Strategie, um mit damit fertig zu werden, mich abgrenzen zu können, wo ich bewusst keine Grenzen setzen durfte, ohne dafür bestraft zu werden. Als ich den Zweck der Symptome erkannte, wurde mir auch klar, dass sie nicht besser würden, wenn ich weiter dagegen ankämpfe, denn das hält sie am leben. Ich musste lernen erstmal "aufzugeben" - gar nicht so leicht.

Je mehr ich lernte, meine eigene kindliche Not zu erkennen, ihr nachzutrauern und für mich damit Frieden zu machen, desto besser wurden die Bauchsymptome und umso mehr bekam ich Zugriff auf die alte Angst, die sich dahinter verbarg. Heute bin ich soweit, dass der Bauch sich nur noch in Ausnahmesituationen meldet und ich das als Möglichkeit sehe, meinen Radius zu erweitern. Hätte man mich vor 10 Jahren (die Zeit meiner größten Bauchprobleme) mit dem konfrontiert was dahinterliegt, hätte ich demjenigen einen Vogel gezeigt. Ich hab mir auch alles mögliche zusammengereimt, woran es liegt. Intoleranzen gibt es zwar und die hab ich auch selbst, aber heute weiss ich, dass die nicht ursächlich sind, sondern ein Resultat des durch die Angst überreizten Nervensystems. Histaminintoleranz mag es geben, aber ich glaube, dass so etwas ohne seelische Komponente niemals allein in Erscheinung tritt, vor allem wenn die Einschränkung dadurch so hoch ist und Angst und Panik eine Rolle spielen.

Ohne das jetzt direkt auf dich zu übertragen, rate ich dir, da mal hinzuhorchen und einen Ort zu finden, an dem du dich dem öffnen kannst, was vielleicht dahintersteht.

Viel Erfolg!

Edit: Noch was zum Thema Histaminunverträglichkeit: Kannst du dir vorstellen, dich von einer klaren Diagnose entweder/oder zu lösen? Die Wahrheit liegt oft irgendwo dazwischen und insbesondere Allergien/Unverträglichkeiten sind nicht immer krankheitswertig, sondern manchmal Eigenheiten eines bestimmten Menschen. Außerdem glaube ich,dass eine seelische Komponente immer mit dabei ist. Das Problem passt (wie bei mir früher) so gut in das Angstgeschehen und es geht immer irgendwie um Abwehr - die Seele wehrt sich bei der Angst, der Körper bei der Unverträglichkeit. Ohne da jetzt einen Wahrheitsanspruch zu erheben, finde ich es gut über sowas mal nachzudenken.

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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon Ohlone » 15.08.2014, 12:33

Ich habe in deinem Vorstellungsthread nochmal was geschrieben, was genau so gut hierher gepasst hätte.

Edit: Ich habe es jetzt hier hin kopiert - ist aber direkt hier drüber gelandet :wink:

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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon Sase » 15.08.2014, 13:32

@Ohlone: Ja, ich dachte auch: Zwei Dumme, ein Gedanke... kopier es doch nochmal hier rüber! Ich denke hier finden es später andere auch einfacher, als bei den Vorstellungen! Und das passt doch wie die Faust aufs Auge - meine theoretische Metapher und dein Erfahrungsbericht (den ich übrigens auch unterschreiben könnte!)
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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon blondeulli » 16.08.2014, 20:42

Ich danke euch erstmal sehr für eure Meinungen!

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, was ihr geschrieben habt.... Was ich für mich sagen kann, ist, dass ich erst dann Angst bekomme (Todesangst), wenn es mir körperlich so schlecht geht. Es ist mir also nicht bewusst, dass die Angst zuerst da ist... Kann das sein?

Meine Therapeutin geht ja auch von einer Angsterkrankung aus, weil ich ihr gesagt habe, dass ich Verlustängste habe, also, dass zum Beispiel mein Mann vor mir sterben könnte und ich dann ohne ihn leben müsste, oder meinen Kindern etwas zustoßen könnte. Aber meiner Meinung nach sind das doch Ängste, die jeder Mensch in gewisser Weise hat. Ist das denn so ungewöhnlich bzw. pathologisch? Wo liegt denn die Grenze zwischen "normalen" Verlustängsten und krankhaften Verlustängsten?

Es ist ja nicht so, dass mich diese Gedanken täglich 24 Stunden beschäftigen. Ich bin ein eher ruhiger und ausgeglichener und sehr lebensfroher Mensch. Ich erwische mich nur in den letzten Jahren öfter dabei, dass ich denke, ich werde jetzt langsam alt und dann kommt ja unweigerlich der Verlust lieber Menschen, Krankheit usw. Aber ist das denn nicht alles vollkommen normal? Macht sich nicht jeder Mensch solche Gedanken, mehr oder weniger?

Also ich weiß nicht, wo da meine Ängste genau liegen sollen, klar, wenn es mir körperlich schlecht geht, wie gesagt, dann habe ich halt (sogar große) Angst vor dem Sterben oder schlimmer Krankheit. Aber wenn es mir, so wie zur Zeit mit dem Neuroleptikum, gut geht, bin ich super drauf, fühle mich, auch mental, fit und energiegeladen.

Deshalb fällt es mir schwer, an eine psychische Ursache meiner körperlichen Probleme zu glauben, auch wenn es meine Therapeutin so sieht. Da ich als Baby kurzzeitig in einem Heim war, weil meine Mutter schwer erkrankte, vermutet sie aus dieser Zeit ein Kindheitstrauma, das sich nun im Erwachsenenalter in körperlichen Beschwerden äußert. Aber wie passt das dann mit einer Angsterkrankung zusammen? Zeitweise Verlust der Mutter und deshalb Verlustängste?

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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon Sase » 17.08.2014, 20:53

Wir sind ja keine Ärzte Ulli und zudem kennen wir dich nur vom Schreiben her. Das ist sehr schwierig :wink: Also ich finde es einerseits etwas ungewöhnlich, dass du dich selbst fragst, was genau deine Ängste sein sollen :?: Ich glaube, das würden die wenigsten hier so von sich sagen. Es gibt zwar den Zustand, dass man Todesängste hat, aber nicht sagen kann wovor, aber ich glaube jemand der davon betroffen ist, würde nicht in Frage stellen, ob er abnorme Ängste hat. Also von der Warte her, kann ich verstehen, wenn du sagst, du kannst da nicht so recht dran glauben mit der Psyche... wenn ich dann aber das wiederum lese:

Also ich weiß nicht, wo da meine Ängste genau liegen sollen, klar, wenn es mir körperlich schlecht geht, wie gesagt, dann habe ich halt (sogar große) Angst vor dem Sterben oder schlimmer Krankheit. Aber wenn es mir, so wie zur Zeit mit dem Neuroleptikum, gut geht, bin ich super drauf, fühle mich, auch mental, fit und energiegeladen.


Dann stellt sich mir halt die Frage: Wie sieht das ganze denn aus, wenn du keine Tabletten nimmst? Also in den Diagnoseleitlinien ist immer mit das wichtigste, wie stark einen die Angst im Alltag einschränkt (denn Messen, wie viel oder wenig Angst jemand hat, geht ja nicht wirklich und macht auch nicht so einen Sinn, weil das wichtigste eben ist, wie der jenige damit lebt).

Da ich als Baby kurzzeitig in einem Heim war, weil meine Mutter schwer erkrankte, vermutet sie aus dieser Zeit ein Kindheitstrauma, das sich nun im Erwachsenenalter in körperlichen Beschwerden äußert. Aber wie passt das dann mit einer Angsterkrankung zusammen? Zeitweise Verlust der Mutter und deshalb Verlustängste?


Welchen Weg sich die Psyche sucht, hat nichts damit zu tun, welches Trauma man erlitten hat. Es gibt Menschen, die in Folge eines schweren Unfalls depressiv werden, solche die Klaustrophobie kriegen und wiederum andere werden Alkoholiker. Und genauso ist es bei Dir und allen anderen hier auch.
Wieso bist du denn eigentlich ursprünglich in Therapie gegangen?
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Re: Nimmt hier jemand Neuroleptika?

Beitragvon blondeulli » 17.08.2014, 21:14

Also wenn du mich fragst, wie sehr mich meine Ängste im täglichen Leben einschränken.... kann ich nur sagen, wie sehr mich meine körperlichen Beschwerden einschränken (wie gesagt, die bewusste Angst kommt erst, wenn die körperlichen Beschwerden da sind). Also ich bin dann zu nichts in er Lage, fühle mich extrem schwer erkrankt, kann weder arbeiten noch sonst irgend etwas tun, außer zu liegen oder zur Toilette zu gehen, weil mir extrem übel ist.

Ich habe die Therapie begonnen, weil alle organischen Untersuchungen ohne Befund waren und mein Arzt sagte, es muss dann psychisch sein und ich sollte eine Therapie machen. Ein Neurologe hat mir dann das Neuroleptikum verschrieben, was mir auch hilft.


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