CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

...alles über Selbsthilfegruppen, Therapiearten, Therapieerfahrungen und Wissenschaft

Moderatoren: Kinabalu, Ohlone, *

Benutzeravatar
Sase
Administrator
Administrator
Beiträge: 6347
Registriert: 22.05.2003, 02:19
Wohnort: Rhein-Main-Gebiet
Kontaktdaten:

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Sase » 17.02.2012, 13:42

@Janinchen: Aber das macht doch nix, denn im Grunde ist doch auch wichtig, zu verstehen, wie sich jemand fühlt der co-abhängig ist. Schreib doch vielleicht deine Erfahrungen einfach mal auf! Wir basteln da schon was gutes draus... glaub mir...
Niemand wird kommen, um dir zu helfen - Du musst es selbst tun!

Janinchen_007

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Janinchen_007 » 17.02.2012, 14:10

Gut, dann vollende ich meinen Text und poste ihn heute abend hier rein. Bin gespannt, was ihr dazu sagt. :)

Ohlone
Moderator
Moderator
Beiträge: 591
Registriert: 14.01.2012, 14:13

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Ohlone » 21.02.2012, 20:39

Hab gerade den Beitrag gelesen und finde ihn sehr gut nachvollziehbar. Ich arbeite in der Suchthilfe, von daher hab ich sehr oft mit co-abhängigem Verhalten zu tun.

~lila~

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon ~lila~ » 24.02.2012, 20:07

der text zu beginn handelt ja von dem emo in der rolle des abhängigen und dem umfeld als co-abhängige, die dadurch den emo in seiner phobie bestärken und ihn behindern diese loszuwerden. das komische ist jetzt aber für mich, dass ich mich beim lesen eher in der rolle des co-abhängigen wiedererkannt habe. also ich habe jetzt keine situation mit süchtigen oder psychisch kranken, aber man könnte das ja jetzt mal als "fehlverhalten" verallgemeinern. irgendwie neige ich dazu, das fehlverhalten mir nahestehender personen zu verheimlichen oder zu vertuschen. ich treibs jetzt zwar nicht so weit, wie im text beschrieben, aber die grundtendenz ist schon da.
geht es hier sonst noch jemandem so? vielleicht besteht ja auch ne verbindung zwischen solchen tendenzen und der emo.

Benutzeravatar
Sase
Administrator
Administrator
Beiträge: 6347
Registriert: 22.05.2003, 02:19
Wohnort: Rhein-Main-Gebiet
Kontaktdaten:

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Sase » 24.02.2012, 20:13

@lila: Das eine schließt ja das andere nicht aus. Also das "wichtigere" Thema hier für die Arbeit von GT ist natürlich, den Leuten bewusst zu machen, wenn sie in ihrer Genesung behindert werden, wie und warum. Aber natürlich kann man auch als Emo eher die anderen, co-abhängigen Verhaltensweisen aufweisen! Und auch nicht jede dieser Verhaltensweisen ist gleich "krankhaft". Beschreib doch mal ein paar Beispiele - es gibt bestimmt noch andere hier, die sich damit identifizieren können. Und probier doch mal zu beschreiben, wie sich das Fehlverhalten anderer für dich anfühlt...
Niemand wird kommen, um dir zu helfen - Du musst es selbst tun!

~lila~

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon ~lila~ » 25.02.2012, 17:08

hm also ich glaube, da gibt es zwei verschiedene situationen.

situation 1: eine person, also der "abhängige" verhält sich irgendwie blöd und ich weiß, dass eine andere person, die ich jetzt mal zuschauer nenne, dieses verhalten auch blöd finden wird. also verheimliche ich das verhalten vom abhängigen vor dem zuschauer. zum beispiel hab ich, wenn früher in der schule mitschüler oder lehrer irgendwas gemacht haben, von dem ich wusste, dass das meine eltern scheisse finden, das denen extra nicht erzählt. mir fällt jetzt blöderweise keine situation mehr ein wo ich das schlechte verhalten jetzt mal konkretisieren könnte.
die beweggründe dafür sind denke ich einerseits, dass ich die "abhängige" person trotzdem mag und nicht will, dass beim zuschauer ein schlechter eindruck entsteht und andererseits, dass ich einen konflikt zwischen zuschauer und der "abhängigen" person vermeiden will.

situation 2: hier verhält sich der "abhängige" mir gegenüber schlecht, aber mir ist dabei weniger mein persönlicher schaden wichtig, als dass das jetzt jemand also der zuschauer mitkriegen könnte. beispiel: mein freund ist mal früher als wir beide bei freunden von mir eingeladen waren unter fadenscheinigen ausreden nicht mitgegangen. da war es mir dann relativ egal, dass ich da alleine hingehen musste. das einzige, was mir was ausgemacht hat, war, dass die anderen ja wussten, dass er auch eingeladen war und ich also dauernd gefragt wurde, wo er denn ist. da musste ich das dann dauernd rechtfertigen und wusste natürlich schon vorher, dass seine ausrede nicht sonderlich glaubwürdig ist. am liebsten hätte ich ne bessere begründung erfunden, aber ich hasse es leute anzulügen. im endeffekt war ich dann sauer auf meinen freund dafür dass er mich in diese situation gebracht hat.
die beweggründe dabei sind, dass ich wieder die "abhängige" person vor nem schlechten eindruck bei anderen schützen will und dann noch dazu, dass das verhalten der anderen person ja irgendwie auch auf mich zurückfällt. also was denken die zuschauer von mir, dass ich mir das gefallen lasse? was denken sie über meine beziehung zur "abhängigen" person?

irgendwie glaube ich, dass das ganze sehr mir perfektionismus zusammenhängt und dann halt nicht nur pefektionismus sich selbst gegenüber sondern noch eine ausweitung auf andere personen.

silvy1978
Beiträge: 90
Registriert: 30.12.2011, 10:57

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon silvy1978 » 26.02.2012, 15:32

Hallo Sase!

Wahnsinn, was du dir für eine Mühe gemacht hast! Der Beitrag ist super geschrieben!! :top:

Ich kann nur zu der klassischen Co-Abhängigkeit etwas sagen.
Meine beiden Väter (leiblicher und Stiefvater) waren/sind alkoholabhängig! Und zwar seit meiner frühesten Kindheit.
Allerdings bin ich auch die einzige, die das so sieht und auch ausspricht. Meine Mutter verteidigt das Verhalten, spielt es herunter, verharmlost es und macht weiter mit.
Was ist schon dabei, wenn Papa sich bereits mittags 2-3 Bierchen zum Essen gönnt? Und abends dann noch so 3, 4 und dazu ne Flasche Sekt/Wein - und das täglich?
Alles ganz normal, da spricht man doch nicht von einem Alkoholproblem!

Als Kind war ich dafür zuständig, daß immer genug kaltes Bier im Kühlschrank war - wehe, wenn nicht!
Zu Besuch durfte auch niemand kommen - der könnte das ja mitbekommen. Und 2 Mal täglich mußten die Flaschen im Keller verschwinden...
Nach außen hin waren wir aber immer eine total glückliche und harmonische Familie...
Dahinter hat aber einiges gebrodelt... :(

Das typische Beispiel hald.

Mehr kann ich leider nicht beitragen...

GLG,
Silvy

Feldweg
Beiträge: 193
Registriert: 26.11.2010, 20:26
Wohnort: Hessen

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Feldweg » 31.03.2015, 23:37

ist das Thema noch aktuell - bzw schaust Du noch rein, Sase? ( oder sonst jemand )

Benutzeravatar
Sase
Administrator
Administrator
Beiträge: 6347
Registriert: 22.05.2003, 02:19
Wohnort: Rhein-Main-Gebiet
Kontaktdaten:

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Sase » 01.04.2015, 13:44

Natürlich, klar :)
Niemand wird kommen, um dir zu helfen - Du musst es selbst tun!

Feldweg
Beiträge: 193
Registriert: 26.11.2010, 20:26
Wohnort: Hessen

Re: CO-Abhängiges Verhalten --- OFFEN ZUR DISKUSSION

Beitragvon Feldweg » 04.04.2015, 04:28

Phuuuu, Sase, Respekt vor der Arbeit zu dem Thema.
Ich muss nun gestehen, dass ich es ( aufgrund der Menge ) nicht " Wort für Wort " lesen konnte - aber ich denke, ich habe begriffen, worum es geht.

Ich selbst war klassisch coabhängig - was die Muster betrifft. Allerdings spielte in meinen Beziehungsgeflechten nie die stoffliche Sucht eine Rolle.
Ich möchte auf jene Form der Co-Abhängigkeit eingehen, die sich vor allem in Beziehung zu nicht - besonders nahestehenden Personen zeigte.
Es erschien mir sehr lange allzu natürlich, mich von Freunden oder Bekannten " leer - saugen" zu lassen. Probleme wurden an mir abgeladen und ich kam der Erwartung meines Gegenübers nur allzugerne nach, " zu helfen". Dasselbe mit Verabredungen. Ich ließ mich schnell verwickeln und konnte am Hochpunkt der Krankheit überhaupt nicht mehr unterscheiden, ob ich das, was ich tat wirklich wollte oder nicht. Das NEIN - sagen hatte ich nie gelernt und fürchtete stets eine unerbittliche Starfe, würde ich NEIN sagen, wenn ich es auch so meine. Das musste ich mühsamst lernen.
Wir finden co -abhängige Verhaltensmuster in soooo vielen alltäglichen Bereichen - die meisten werden erst im Nachgang bewusst.

Ein ganz profanes Beispiel ist, dass ganz viele Menschen Probleme damit zu haben scheinen, ICH zu sagen. Selbst eine persönliche Angelegenheit wird schnell in Allgemeinformulierungen vorgetragen. " Man ....... tut dies oder das, denkt dies oder das ...... "

Das ICH trennt uns von der Masse. Es ist erstaunlich, wie schwer es vielen Menschen fällt, dies auch so auszusprechen. Es schwingt häufig ein Stück " Rücksicht" mit, die Angst, sich unbeliebt zu machen oder aufzufallen, wenn das ICH deutlich - auch als Abgrenzung vom DU benutz wird. " Mach dich nicht so wichtoig, was glaubst du, wer du bist ....... " sind häufig die gefürchteten Reaktionen ( berufliche Erfahrung :wink: )

" Fremdschämen" beobachtete ich auch als ausgeprägtes Phänomen bei mir. Auch wenn mir Verhaltensweisen von Menschen noch so unangenehm waren - lange Zeit blieb ich dennoch in deren Gesellschaft, aus Angst, zu verletzen, wenn ich mich da raus - genommen hätte. Heute kann ich das. Und wenn ich heute ein peinliches Verhalten ( Bsp. Ein Mann macht seine Partnerin in meinem Beisein runter - oder umgekehrt ) beobachte, dann gelingt es mir, das bei den beiden zu lassen - anstatt wie früher, mich für das " Opfer" stark zu machen. Im besten Fall unterbreche ich den Kontakt in dem Moment und formuliere klar, dass ich mich dieser Situation nicht aussetzen werde. ( das gilt natürlich nicht für Situationen, in denen jemand wirklich " in Gefahr" ist,

Der Verzicht auf co-abhängiges Verhalten kommt einem Suchtentzug gleich - wenn denn erkennbar ist, für den Betroffenen, worum es geht. Dies ist die Herausforderung überhaupt - die Erkenntnis, die Entwicklung für ein Bewusstsein der Situation.

Wachsamkeit ist gefragt - ich für meinen Teil muss aufpassen, dass ich nicht ZU wachsam bin, denn das macht auf Dauer auch bekloppt :biggrin:

Tolles Thema Sase, vielen Dank
bestimmt fällt mir noch ein Haufen dazu ein.


Zurück zu „Therapie, SHGs & Medizinisches“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast