Riesenerkenntnis

Alles rund um Emetophobie, dass sonst nirgendwo hinpasst!

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eswirdbesser
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Riesenerkenntnis

Beitragvon eswirdbesser » 16.08.2015, 21:30

Hallo Forum,

ich habe gerade für mich eine Riesenerkenntnis gemacht, die ich unbedingt mit Euch teilen möchte.
Ich denke, dass meine Emetophobie eine Projektion meiner anderen Ängste ist. Ich bin in vielen Punkten nicht wirklich selbstbewusst und mache mir Gedanken und Sorgen was andere Leute über mich denken könnten. Das war auch vor 8 Jahren der Auslöser für die Phobie. Damals wurde mir bei einem Freund schlecht und ich weiß noch, dass ich mir die ganze Zeit Sorgen gemacht habe, ich könnte bei ihm ins Zimmer brechen und er müsste das dann mit ansehen.
In der Schule hatte ich keine einfache Zeit, was auf jeden Fall die betreffenden Punkte meines Selbstbewusstseins erklärt. Ich habe kein Problem damit fremde Leute anzuquatschen und nach dem Weg oder irgendetwas anderem zu fragen. Aber mir ist (nicht mehr so schlimm wie früher) es unangenehm und peinlich zuzugeben, dass ich Sci-Fi und Fantasy mag, dass ich gerne Pen&Paper spiele oder auf brutalen Metal stehe.
Mit der langen Zeit hat sich die Emetophobie dann verselbstständigt und ich bekomme eben auch Angst, wenn mein "soziales Ansehen" nicht gefährdet ist, z.B. wenn ich alleine zuhause bin.
Ich denke daher, dass mein Weg und meine Aufgabe sein werden, erstmal die anderen Baustellen zu reparieren um so der Emetophobie die Nahrung und Macht wegzunehmen.

Danke fürs Lesen :)

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Megan.Morgue
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Re: Riesenerkenntnis

Beitragvon Megan.Morgue » 16.08.2015, 22:25

Hallo!
Also was du da schreibst kommt mir bekannt vor. Bei mir gab es zwar keinen direkten Auslöser für die Phobie, aber bis vor ein paar Jahren war sie noch nicht so ausgeprägt und ich habe mich noch nicht so viel mit dem Erbrechen beschäftigt wie jetzt.
Ich hatte auch eine echt brutale Schulzeit (8 Jahre Mobbing mit verprügelt werden) und erst als ich ein normales schönes Leben hatte haben sich Phobien entwickelt (idiotisch nicht?!) Ich habe auch mega Probleme mit dem Selbstbewusstsein und habe mir schon immer Sorgen gemacht was andere von mir denken könnten.
Das mit dem Sci-Fi, Fantasy, Pen&Paper und Metal hat mich etwas zum schmunzeln gebracht :) Ich war in der Hinsicht auch immer anders als andere. Ich war in meiner Jugend der totale Gothic (immernoch teilweise da), habe Tabletop gespielt und steh immernoch auf Fantasy und Mythologie.

Also ich denke auch, dass die Emetophobie nicht das hauptsächliche Problem ist, sondern eher ein Symptom anderer Probleme.
Ich denke je selbstbewusster wir werden und desto gestärkter wir im Leben stehen desto geringer wird auch die Angst!
"There is nothing either good or bad, but thinking makes it so". - (Hamlet, Act II, Scene II)

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Re: Riesenerkenntnis

Beitragvon Parasomnia » 17.08.2015, 09:19

Guten Morgen,

schön, dass du diese Erkenntnis für dich gewinnen konntest. Sie ist wichtig. Es geht nämlich nicht ums Kotzen. Ich erinnere mich an einen sehr eindrücklichen Moment, als mein ehemaliger Therapeut mit mir Konfrontationsübungen in Form von Fotos machte, die kotzende Menschen zeigten. Als ich zu diesem Termin fuhr, war ich unwahrscheinlich nervös. Aber nicht, weil ich mir Kotzbilder ansehen musste (oder nur ein bisschen deswegen), sonder viel mehr aus Angst, ich könnte dort meine Maske fallenlassen müssen, ich könnte Panik bekommen oder gar heulen. In insgesamt sicher sechs Jahren ambulanter Therapie habe ich nicht auch nur ein einziges Mal wegen irgendwas geweint. Das wäre für mich mindestens gleichbedeutend mit der Peinlichkeit, dem Therapeuten vor die Füße zu kotzen. Und da wurde mir dann wieder klar: Es geht nicht ums Kotzen. Das Kotzen symbolisiert vielmehr etwas, wovor ich solche tiefgreifenden Ängste habe, dass sie irgendwie kanalisiert werden müssen. Diese Ängste sind existentiell, deshalb kommt mir auch das Kotzen vor wie eine Station kurz vor Tod oder Weltuntergang. Es ist die Angst vor Ablehnung, es sind Gefühle von Ekel und Scham, die unter dem Ganzen liegen, die Angst davor, eine Situation nicht mehr kontrollieren zu können und ihr ausgeliefert zu sein, Dinge tun zu müssen, die ich nicht will. All das läuft letztlich im Kotzen zusammen. Natürlich im Grunde auf einer wesentlich weniger bedeutsamen und bedrohlichen Ebene, aber diese Ängste wurden irgendwann aufs Kotzen projeziert. Wie genau, das weiß ich nicht. Ich habe Vermutungen, woher diese existentiellen Ursprungsgefühle kommen. Das voneinander zu trennen und zu begreifen, dass das Kotzen wahrscheinlich bloß ein Symbol, ein Platzhalter für etwas ist, ist der erste Schritt. Dadurch ändert sich natürlich noch nichts, aber es ist die richtige Richtung. Das ist es allerdings auch, was die Emetophobie zu einer nicht ganz einfach zu behandelnden Phobie macht. Denn wer Angst vor Hunden oder Fahrstühlen hat, hat wahrscheinlich wirklich bloß Angst vor Hunden oder Fahrstühlen.
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
(Hannes Wader)

Let me forget about today until tomorrow.
(Bob Dylan)

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Megan.Morgue
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Re: Riesenerkenntnis

Beitragvon Megan.Morgue » 17.08.2015, 16:44

Parasomnia das hätte ich nicht besser sagen können. Du bringst es genau auf den Punkt!
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