Ich hasse meinen Körper dafür,dass er nicht funktioniert

Alles rund um Emetophobie, dass sonst nirgendwo hinpasst!

Moderatoren: Basti, *

Casi
Beiträge: 1
Registriert: 13.07.2015, 15:27

Ich hasse meinen Körper dafür,dass er nicht funktioniert

Beitragvon Casi » 13.07.2015, 16:16

Das wird hier wohl ein ziemlich langer Text,aber ich (w/fast 21) habe meine Emo auch schon seit ich denken kann und wollte einfach gerne alles einmal loswerden, was sonst keiner den ich kenne versteht.
*TRIGGER*
Angefangen hat es wohl irgendwann als ich klein war. Erbrechen war natürlich nie schön und ich habe oft geweint danach,weil es ja auch wehtat. Wenn wir in den Urlaub gefahren sind,habe ich mich im Auto immer sehr oft übergeben müssen,mehrere Tüten und wenn wir ankamen,waren meine Eltern oft sauer. Auch wurden mir oft eklige Geschichten erzählt,was meine Schwester im Bezug darauf schon alles erlebt hat. Eigentlich gab es jedesmal Ärger,denn ich habe schon als Kind gerne verdrängen wollen,dass ich etwas nicht drinbehalten kann, von Spucktüten wurde mir noch schlechter und so landete es oft auf meinem Bett oder ähnlichem.
Ich war auch schon immer sehr mäklig, aber wurde trotzdem im Kindergarten oft dazu gezwungen Essen zu essen,das mir überhaupt nicht schmeckte. Schon damals hatte ich oft "Bauchweh". Richtig los ging es denke ich als ich zum ersten Mal auf Klassenfahrt sollte in der 3ten Klasse. ich war immer sehr schüchtern,konnte nie "richtige" Freundschaften aufbauen und als wir wegzogen kannte ich in der neuen Klasse niemanden. Und auch wenn der Ort nur eine halbe Stunde Fahrt weg war,wollte ich garnicht mit. Ich beklagte mich auf jeder Klassenfahrt,dass es mir schlecht ging,wollte selten etwas essen und am Ende sagte ich manche sogar komplett ab. Ein wirklich grosses Problem war es in der Grundschule noch nicht,solange sich keiner übergab oder ich nirgendswo hinmusste wo es Essen gab.
Auf dem Gymnasium wurde es dann viel schlimmer. Mir war jeden morgen übel,ich wollte nicht in die Schule,ständig zuhausebleiben. Meine Eltern gingen mit mir zu Ärzten, aber die gaben irgendwann auf und meine Eltern beschlossen,dass ich nichts habe,dass ich mich nur anstelle. Ich lief teilweise morgens bis zum Klingeln im Wald an der Schule rum,in der Hoffnung mir würde es dann besser gingen,manchmal tat es das auch,oft rief ich aber in der Pause zuhause an und fragte ob sie mich abholen könnten,was sie selten taten. Vom Grossteil der Klasse wurde ich gemobbt, weil ich dick und schüchtern war. Die Tatsache,dass ich selten ass brachte immer wieder Witze auf,dass ich wohl auf Diät war.
Nach der 9ten Klasse zogen meine Eltern mit mir nach Norwegen, wo es auf der Sprachschule was die Krankheit anging noch ganz okay lief. Ebenfalls das Jahr "Jugendschule" danach überstand ich einigermassen,da ich selber in der 15 Minuten Pause nach Hause ging um mich dort hinzulegen. Freunde fand ich allerdings nie,da die Angst schon zu gross war um etwas mit anderen zu unternehmen. Ständige Angst,dass mir schlecht werden könnte..so richtig schlecht,was sollte ich denn dann sagen? Verständigen konnte ich mich kaum. Ich sagte immer ab.
Dann wechselte ich auf das norwegische Gymnasium und ab da wurde alles schlimmer. Ich bekam Depressionen,Panikattacken,wollte zurück nach Deutschland, wurde wegen den Depressionen zu einer Jugendpsychologin geschickt,die aber nur meinte ich sollte mir einen Job suchen,das würde mich ablenken. Doch ein Job wo ich glücklich war,wenn ich zuhause sein konnte mit meiner Übelkeit? Das war undenkbar. Die Behandlung hörte auf als ich 18 war, ich fehlte immer häufiger in der Schule,schwänzte Stunden,belog meine Eltern warum ich so früh zuhause war. Ich sass teilweise nur noch im Unterricht und hörte in mich rein,konzentrierte mich aufs Atmen,damit die Übelkeit nachliess. Durch Sport fiel ich am Ende des Abiturs durch,weil ich durch meine Krankheit so oft gefehlt hatte, aber der Lehrer das natürlich nicht anerkennen konnte.
Ich musste also Prüfungen nachmachen,was mich ein Jahr kostete und meine Eltern schon ziemlich nervös machte, da ich doch studieren oder arbeiten sollte. Danach bewarb ich mich an Unis,in der Hoffnung ich würde in Deutschland angenommen,was ich aber nicht wurde,also musste ich jeden Tag 5 Stunden Fahrt auf mich nehmen um zur Unistadt zu kommen,wo ich mir keine Wohnung leisten konnte. 2,5 Stunden Bus,davon 20 Minuten Fähre,wo ich doch so seekrank wurde. Am Anfang ging es,es war neu,ich hatte etwas zu tun. Dann merkte ich schnell,dass mein Norwegisch nicht für ein Studium reichte,die dänischen textbücher verstand ich nur nach langem Lesen, die Fahrten wurden unerträglich,ich kannte niemanden und am Ende sass ich wieder nur in der Vorlesung,konzentrierte mich aufs Atmen und lenkte mich mit meinem Laptop ab. Zum Ende hin schwänzte ich selbst die wenigen Stunden Vorlesung, da ich einen richtigen Würgereiz bekam,jedoch nicht erbrechen konnte und so oft nur in der Toilette rumstand. Nur um eine halbe Stunde später wieder aus der Vorlesung zu müssen.
Ich war so verzweifelt,dass ich mein Studium abbrach,obwohl meine Eltern unbedingt wollten,dass ich wenigstens das eine Jahr zuende machte,damit sie Kindergeld bekamen, aber ich war psychisch und körperlich so augelaugt,dass die 2 Tage Uni der reinste Horror waren. Ich sass heulend auf meinem Bett.

Momentan ist die Situation so,dass ich nichts mache. Meine Eltern wollen immernoch unbedingt,dass ich einen Studienplatz finde oder eine Ausbildung anfange (Meine letzten bewerbungen wurden jedoch alle abgelehnt,da ich aus Norwegen nicht zum Vorstellungsgespräch kommen konnte). Ich möchte einfach nur meine Emo loswerden. Meine Ärztin hat viel untersucht,eine Psychologin meinte nur ich hätte eine soziale Phobie,wäre paranoid,teilweise bipolar, aber sie könne mir da nicht helfen. Auf Emo kam niemand und ich kann meine Ärztin erst darauf ansprechen sobald sie aus ihrem Urlaub wiederkommt. Mein ganzes Leben wird von der Übelkeit bestimmt. Wann ich aufstehe,was ich esse,ob ich rausgehe,körperliche Tätigkeiten triggern sofort die Übelkeit. Selbst wenn ich auf Klo muss,bleib ich solang im Bett bis ich denke,dass es jetzt geht. Meine Eltern beschweren sich,dass sie auch krank sind,dass ich nichts mache, nur faul rumliege. Ich habe keine Freunde,weil ich alles abgelehnt habe,da alle Einladungen Essen beinhielten und ich so panische Angst davor habe. Meine Tabletten helfen kaum noch,machen mich aber extrem müde und depressiv,da sie starke Nebenwirkungen haben. Ich habe mich immer mehr in Computerspiele geflüchtet,weil ich dort "leben" konnte und rumrennen, aber mein Laptop versagt und selbst dieses Leben mit meinen einzigen sozialen Kontakten schwindet immer mehr.
Der Stress wächst jeden Tag mehr. Meine Eltern erwarten,dass ich etwas mache,aber ich weiss nicht was und ich habe so grosse Angst. Meine Emo lässt mich nicht klar denken was ich im Leben will. Ich habe schon oft daran gedacht wie schön Selbstmord wäre,weil ich dann diese Last nicht mehr hätte,aber ich hoffe immer noch. Ich kann nicht alles aufschieben,das weiss ich. Meine Eltern wollen auch gerne zurückziehen,aber sie sagen es ist abhängig davon ob ich einen Studienplatz etc. bekomme. Aber ich denke ich will garnicht mehr studieren,da selbstständig lernen einfach nichts für mich ist und ich es nur in Betracht ziehe,da ich dort nicht wie in der Ausbildung 8 Stunden am Stück mit meiner Übelkeit kämpfen müsste.
Ich habe auch nicht wirklich Kliniken oder Behandlungsmöglichkeiten für Emo hier gefunden,so wie in Deutschland und ich habe Angst,dass nichts wirkt und ich damit leben muss,da ich in Deutschland auch keine Behandlung finanzieren könnte.
Alle haben einen Plan und ich bin gefangen in einem Körper, der kaputt ist.

Benutzeravatar
Parasomnia
Beiträge: 1687
Registriert: 25.11.2010, 11:52
Wohnort: Baker Street 221b
Kontaktdaten:

Re: Ich hasse meinen Körper dafür,dass er nicht funktioniert

Beitragvon Parasomnia » 14.07.2015, 10:30

Liebe Casi,

herzlich Willkommen erstmal im Forum! Das klingt alles nach einer sehr verfahrenen und belastenden Situation für Dich! Tut mir leid, dass du es so schwer hast und hattest. Eines möchte ich voranschickend aber sagen: Du hasst deinen Körper dafür, dass er nicht funktioniert. Aber dein Körper ist keine Maschine, die eben einfach läuft, so, wie man es von ihr erwartet. Körper und Seele hängen eng zusammen und psychischer Stress führt über kurz oder lang auch zu körperlichen Beschwerden. Dafür solltest du deinen Körper nicht hassen, er gibt dir Alarmsignale, dass sich etwas ändern muss!

Meine Eltern wollen auch gerne zurückziehen,aber sie sagen es ist abhängig davon ob ich einen Studienplatz etc. bekomme.


Was hat denn das Zurückziehen damit zu tun, ob du einen Studienplatz bekommst oder nicht? Im Gegenteil: es wäre für dich ja vermutlich deutlich einfacher, von Deutschland aus einen Studienplatz zu suchen. Aber du sagst, du möchtest gar nicht mehr studieren. Für welche Studiengänge hattest du dich denn beworben? Haben die dich wirklich interessiert? Ich habe selbst nach dem Abitur und einem stationären Aufenthalt eine Ausbildung begonnen und war zunächst genauso skeptisch wie du, ob ich einen 40 Stunden Job mit der Angst überhaupt bewältigen könnte. Aber es hat funktioniert. Und es hat sogar geholfen. Weil ich etwas anderes hatte, worauf ich meine Aufmerksamkeit und Konzentration richten konnte. Weil ich mir nützlich vorkam. Und weil ich mein Leben nicht an die Phobie verlieren wollte.

Ich habe auch nicht wirklich Kliniken oder Behandlungsmöglichkeiten für Emo hier gefunden,so wie in Deutschland und ich habe Angst,dass nichts wirkt und ich damit leben muss,da ich in Deutschland auch keine Behandlung finanzieren könnte.


Es gibt vermutlich auch wenig Therapeuten oder Einrichtungen, die sich ganz konkret auf die Emetophobie spezialisiert haben. Das ist auch nicht unbedingt notwendig, denn Angststörungen sind prinzipiell alle ähnlich strukturiert, sie folgen demselben Muster, auch wenn die jeweilig angstbesetzten Gegenstände unterschiedlich sind. Zur Finanzierung: In Deutschland werden Therapien und Klinikaufenthalte von der Krankenkasse bezahlt. Du müsstest also keine Behandlung aus eigener Tasche finanzieren. Ich weiß nicht, wie es damit in Norwegen ist - ob das alles selbst getragen werden muss.

Offensichtlich können deine Eltern deine Situation überhaupt nicht verstehen und haben schon früher mit Ablehnung darauf reagiert, wenn du dich übergeben hast. Für deine Eltern tust du offensichtlich auch Dinge, die für dich (und auch viele andere) ungeheuer stressig wären, bloß, um ihre Erwartungen zu erfüllen. Jeden Tag fünf Stunden Fahrt auf sich zu nehmen, bloß, damit man studiert wie die Eltern das wollen, ist schon ziemlich verrückt. Niemand kann und sollte dich zu so etwas zwingen. Hast du ihnen schonmal erzählt, dass es diese Phobie gibt? Dass du nicht einfach faul bist und lustlos, sondern unter einer psychischen Erkrankung leidest? Wie ist das Verhältnis zu deinen Eltern sonst? Fühlst du dich, ganz grundsätzlich, von ihnen angenommen und geliebt? Was Ärzte betrifft, so ist die Emetophobie noch längst nicht so bekannt wie sie sein müsste. Aber womöglich könntest du auch nochmal einen anderen Arzt konsultieren und andere Meinungen einholen. Und angesichts der Tatsache, dass du jeglichen Kontakt mit anderen meidest, hat deine Angst sicher eine stark sozialphobische Komponente. Denn nehmen wir mal an, du wärest mit jemandem unterwegs und dir würde schlecht: Was dann? Vermutlich wird dich niemand dafür auslachen, dich deshalb nicht mehr mögen. Im Gegenteil: wer dich mag, der wird eher besorgt reagieren, wenn es dir nicht gut geht. Ich würde dir persönlich, angesichts der Tatsache, wie tief du in dieser ganzen Angstspirale drinsteckst, eigentlich zu einem stationären Aufenthalt raten. Allerdings weiß ich eben nicht, wie sowas in Norwegen geregelt wird. Deshalb bleibt es erst einmal bei den obigen Fragen. Viel Kraft! Und gut, dass du die Hoffnung noch nicht aufgegeben hast!
Es kommt dazu - trotz alledem -, dass sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird - trotz alledem.
(Hannes Wader)

Let me forget about today until tomorrow.
(Bob Dylan)

eswirdbesser
Beiträge: 72
Registriert: 28.07.2015, 18:49
Wohnort: Hessen

Re: Ich hasse meinen Körper dafür,dass er nicht funktioniert

Beitragvon eswirdbesser » 28.07.2015, 20:14

Hallo Casi,

mache dir keine Sorgen, dein Körper funktioniert ausgezeichnet. Deine Angst ist etwas reales und dein Körper reagiert so wie es sich für Angst gehört. Das ist ein Zeichen dafür, dass er gut funktioniert. Nein, ich will dich damit nicht verarschen. Ich habe seit 8 Jahren Emetophobie.
Ich setze mich momentan sehr viel damit auseinander und habe das Gefühl, das alles nur schlimmer wird, aber ich habe auch so viele Erkenntnisse gesammelt und möchte das jetzt endlich hinter mich bringen.

Kleine Sachen die mir sehr geholfen haben:
-Sage nicht, dass du Emetophobie hast. Sage, dass du noch Emetophobie hast. Das ist schon ein großer Unterschied.

-Sage nicht, dass du Angst vor dem Erbrechen hast. Sage, du machst dir Angst vor dem Erbrechen, das ist nämlich der entscheidene Punkt. Angst vor Erbrechen ist biologisch nicht vorgesehen sondern angelernt. Denke daran, dass du alles gelernte auch wieder verlernen/umlernen kannst.

-Denke über den katastrophalen Ernstfall hinaus. Male es dir in den schlimmsten Zügen aus und noch weiter. Als nicht
Oh gott, wenn ich heute Aufstehe und aus dem Hausgehe, kotze ich bestimmt in den Bus. Das sind Gedanken die bestimmt sehr viele von uns kennen. Aber überlege was dann passiert. Ich bin da mal gespannt zu hören, was dir da alles einfällt :)

Und hole Dir ein Buch. Ich habe Ängste verstehen und überwinden. Wie Sie sich von Angst, Panik und Phobien befreien von Frau Dr. Doris Wolf gelesen und lese es immer noch / arbeite damit. Es ist sehr aufschlussreich.

Leider lässt sich sowas, gerade wenn es schon länger andauert, nicht auf Knopfdruck über Nacht lösen. Es braucht seine Zeit. Beim einen mehr, beim anderen weniger. Aber ich bin überzeugt, dass jeder davon loskommen kann.

Ich freue mich auf deine Antwort.


Zurück zu „Gedankenwirrwarr“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast