Angst Aufrechterhaltung - ein Paradoxon

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dariusbritt
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Angst Aufrechterhaltung - ein Paradoxon

Beitragvon dariusbritt » 24.04.2014, 13:20

Hallo ihr lieben,

während einer ziemlichen Abwärtsspirale letztens, habe ich ein bisschen nachgedacht und bin dabei auf einen Aspekt meiner Angst gestoßen, der in meinen Augen nicht so viel Sinn macht bzw für mich selbst überhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Ich suche schon länger nach dem Grund dafür, weshalb es mir so schwer fällt, von meiner Angst abzulassen. Einer der in meinen Augen möglichen Gründe - wenn nicht sogar DER Grund - dafür ist, dass ich irgendwo in mir das Gefühl habe, nur lieb gehabt zu werden, wenn ich krank bin. Seit jeher war es schon so, dass sich meine Eltern nur richtig liebevoll um mich gekümmert haben, wenn wir im Urlaub waren oder aber wenn ich krank war. Im alltäglichen Leben, waren sie sehr pflichtbewusst und haben nur selten die Zeit gefunden, mit mir zu spielen. Ich erinnere mich an wenige Momente, an denen wir zusammen gespielt und herzlich gelacht haben, aber an viele Momente, die mit Disziplin und Ordnung zu tun haben. (< ich schließe hier mal Feiertage etc. aus, weil das 'besondere' Tage sind an denen sich bei uns natürlich mehr miteinander beschäftigt wurde) Ab da, wo ich "krank" wurde, haben sich meine Eltern eben scheinbar mehr um mich gekümmert bzw. die Versuche mich zu disziplinieren wurden weniger, einfach weil es nicht mehr funktioniert hat.

Nun gut, das würde eigentlich schon ganz gut erklären, weshalb es mir schwer fällt, von der Angst loszulassen. Das würde bedeuten, ein eigenständiges, selbstverantwortliches, erwachsenes Leben zu führen und meine Eltern loszulassen. Anscheinend habe ich davor Angst, weil ich das unterbewusst mit Verwahrlosung oder eben diesem 'nicht-lieb-gehabt-werden'-Gefühl von damals assoziiere.

Dieses Denkschema findet sich auch in meinen Gedanken zum SVV wieder. Ich verletze mich zwar nur noch seltenst und dann sind es eher Impulshandlungen, aber ich habe noch des öfteren Fantasien. In diesen Fantasien, sind die Verletzungen so schlimm, dass ich ins Krankenhaus müsste oder ähnliches (stark vereinfacht da das Spektrum hier sehr breit gefächert ist). Das wäre ja dann auch wieder die Assoziation -> "Wenn ich 'krank' bin, wird sich um mich gekümmert, dann werde ich lieb gehabt."

Jetzt kommt aber der Punkt an dem es für mich keinen Sinn mehr macht:
Obwohl ich diesen Zustand der Hilflosigkeit und Abhängigkeit (unterbewusst) als wünschenswert und positiv empfinde, fällt es mir äußerst schwer oder ist es mir gar unmöglich, mir das selbst einzugestehen. Ich kann noch so überfordert sein und merken, dass ich es allein einfach nicht mehr schaffe, ich frage nahezu nie aktiv nach Hilfe bzw. streite ich teilweise sogar ab, Hilfe zu brauchen.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass in meiner Fantasie nicht die Angst der Auslöser der Hilflosigkeit ist, somit die 'Krankheit' nicht die richtige ist und ich es mir deshalb nicht eingestehen will.. Aber es ist dennoch paradox - Wenn ich mich gesund fühle, wünsche ich mir 'krank' zu sein und wenn ich dann 'krank' bin, will ich mir das aber nicht eingestehen?

Vielleicht kennt irgendjemand das Gefühl und ist an dem Punkt schon weiter und/oder kann mir Denkanstöße geben. Ich versuche jetzt schon seit 2 Wochen da irgendwo einen Sinn drin zu finden, aber es gelingt mir nicht so richtig.

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Re: Angst Aufrechterhaltung - ein Paradoxon

Beitragvon Sase » 24.04.2014, 15:48

Ih würde behaupten, genau DAS ist das Problem:

Ich kann noch so überfordert sein und merken, dass ich es allein einfach nicht mehr schaffe, ich frage nahezu nie aktiv nach Hilfe bzw. streite ich teilweise sogar ab, Hilfe zu brauchen.


...und nicht, unabhängig von den Eltern zu werden usw.
Genau aus dem Grund zieht sehr wahrscheinlich dein Mechanismus, der aus dir etwas macht (krank, verletzt) das ohne darum bitten zu müssen Hilfe bekommt, die er /sie (dann offensichtlich) nötig hat.
Diese Phänomen zeigt sich umgekehrt oft auch darin, dass man krank wird, wenn man total überlastet ist oder dergleichen und in Situationen ist, ,in denen man sich Hilfe /Unterstützung einfordern müsste.
Niemand wird kommen, um dir zu helfen - Du musst es selbst tun!

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Re: Angst Aufrechterhaltung - ein Paradoxon

Beitragvon tanyamoustache » 24.04.2014, 20:00

Ich kann Sase da voll zustimmen, das kenne ich genau so von mir auch und vielleicht geht es ja bei dir doch auch irgendwie in die Richtung, dariusbritt.

Mir fällt es auch extrem schwer, nach Hilfe zu fragen oder überhaupt erst mal anderen zu zeigen, dass es mir schlecht geht. Wenn ich krank bin, schaffe ich es sogar kaum zum Arzt zu gehen, weil ich mich in diesem Momenten eigentlich nur zu Hause zu einer Kugel zusammenrollen will, bis es mir wieder besser geht. Ich werde dann richtig paranoid und habe das Gefühl, alle Leute auf der Straße starren mich an.

Trotzdem ging es mir in der letzten Jahren öfter ziemlich schlecht - man muss auch dazu sagen, dass sich meine Angst dahin verlagert hat, dass ich mittlerweile die ganze Zeit Angst habe, an irgendeiner schlimmen Krankheit zu erkranken und daran zu sterben – und ein Teil von mir fand das wohl auch ganz gut. Krank zu sein, bedeutet nämlich eben auch, dass man die Verantwortung für sein Leben erst mal abgeben kann, dass man keine eigenen Entscheidungen mehr treffen muss, sondern alles von irgendwelchen äußeren (oder in diesem Fall inneren) Umständen vordiktiert bekommt. Und natürlich dass andere Leute mehr Verständnis für einen haben.
Bei mir ist es auch nicht so, dass ich mir das dann "bewusst" wünsche - im Gegenteil, wie gesagt, ich will dann keine Menschenseele sehen. Ich glaube eher, dass mein Körper in diesem Moment die Reißleine zieht, wo ich es nicht schaffe, auf meine Bedürfnisse zu hören. Wenn es mir schlecht geht, ob psychisch oder körperlich, versuche ich durchzupowern und mir nichts anmerken zu lassen, bis dann mein Körper Stopp sagt, und das meist auf ziemlich unangenehme Art und Weise. Oft denke ich mir dan, hättest du schon früher auf dich gehört und jemanden um Hilfe gebeten, wäre das vielleicht nicht passiert.

Außerdem finde ich die Situation, die du beschreibst, auch gar nicht so paradox (weil ich sie halt auch selbst kenne): Dein Wunsch, krank zu sein und umsorgt zu werden, entspringt ja irgendwelchen emotionalen Bedürfnissen, die du dir aus irgendeinem Grund selbst verbietest. Aber nur, weil du diese Bedrüfnisse nicht anerkennen willst, sie auf rationaler Ebene abblockst und sie dementsprechend nicht befriedigt werden, heißt es ja nicht, dass sie verschwinden. Im Gegenteil, dadurch werden sie nur noch stärker (bei mir zumindest).

Ich kann für mich nicht behaupten, dass ich das Problem zufriedenstellend gelöst hätte, aber ich arbeite daran. Hauptsächlich sieht das so aus, dass ich mich mittlerweile viel öfter Leuten anvertraue und über meine körperlichen und seelischen Befindlichkeiten rede. Und auch wenn ich nie so wirklich glauben kann, wenn sie sagen, sie sind für mich da, wenn es mir schlecht geht, und gern in meine alten Denkweisen zurückfalle, verbiete ich mir das dann und zwinge mich, jetzt einfach mal nicht weiter darüber nachzudenken, sondern das einfach zu akzeptieren. Das ist wohl so ein Prozess, der unglaublich viel Zeit in Anspruch nehmen wird, aber vielleicht kommt es ja irgendwann auch emotional bei mir an, und nicht nur rational ...

Liebe Grüße,
Tanja

dariusbritt
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Re: Angst Aufrechterhaltung - ein Paradoxon

Beitragvon dariusbritt » 26.04.2014, 13:46

So wie Sase das darstellt, hatte ich das tatsächlich bisher noch nicht betrachtet. Macht soweit auch Sinn, nur da wäre eben die Frage, wobei ich mir unterbewusst Hilfe wünsche und ich wieder zurück in den Angst-Modus verfalle, wenn es mir ja eigentlich sonst ganz gut geht?
Aber das kann und werde ich mit meinem Therapeuten besprechen. ;)
Es tut nur erstmal gut und hilft in so viele Richtungen wie möglich zu gucken.

dariusbritt
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Re: Angst Aufrechterhaltung - ein Paradoxon

Beitragvon dariusbritt » 31.07.2014, 01:03

Okay, also, ich hatte ja in einem anderen Thread schon gesagt, dass einer der geschriebenen Sätze mir eine weitere Tür zu den Beweggründen meiner Angst geöffnet hat und ich versuche jetzt hier einfach mal ein bisschen meine Gedanken zu ordnen.

Hauptsächlich setze ich mich im Moment mit der Frage auseinander, warum ich die Angst nicht hinter mir lassen kann. Nachdem ich letztes Jahr etwa von Juni bis Dezember in einer intensiv betreuten Wohngruppe gewohnt habe, bin ich wieder in eine eigene Wohnung gezogen. Anfangs lief es auch noch ganz gut, aber die Angst wurde wieder kontinuierlich schlimmer. Vor zwei-drei Wochen hatte ich sogar das erste Mal seit JAHREN wieder eine Panikattacke wegen der Emo. Das alles werte ich aber mehr oder weniger positiv und ich mache auch wieder Schritte vorwärts und bewege mich nicht nur rückwärts. Wie dem auch sei..
Letztendlich habe ich im Moment mehrere Gründe, die zum einen erklären, warum die Angst überhaupt entstanden ist und zum anderen, warum ich noch immer daran festhalte.

Wie oben schon geschrieben; Mit meinem Vater habe ich sehr viele positive Erinnerungen, wie haben viel Zeit verbracht und viel gespielt. Solche Erinnerungen habe ich an meine Mutter kaum bis gar keine. Sie ist sehr pflichtbewusst und die einzigen Dinge, an die ich mich erinnere, sind Momente, in denen sie sich um mich gekümmert hat, als ich krank war. Also krank -> es wird sich um mich gekümmert, ich bin "in Sicherheit", weil meine Mama für mich sorgt.
Dieses Schema "krank = sicher" spiegelt sich auch in meiner Pubertät wieder. Ich wurde in der Schule viel gemobbt und irgendwann ist eben die Angst "ausgebrochen". Anfangs war ich eben immer nur "krank", später hatte ich Angst krank zu werden und bin früher von der Schule nach Hause, bis ich gar nicht mehr hingegangen bin.
Weiß nicht, ob ich das jetzt gut genug erläutert habe, um den Zusammenhang erkennbar zu machen... Aber für mich ist da einer.

Ein anderer Punkt wäre noch der mit der Kontrolle. Das ist eigentlich so das, wovor ich momentan am meisten Angst habe - Kontrollverlust bzw. die Kontrolle über mich und meinen Körper zu verlieren, was ja der Fall ist, wenn ich krank bin und/oder ich mich übergeben muss.
Woher das kommen könnte: In der Zeit, in der ich eigentlich hätte anfangen müssen, mich von meinen Eltern abzunabeln und langsam mein eigenes Leben zu führen, wurde ich von meiner Mutter sehr eingeschränkt. Je mehr ich versucht habe, mich zu entfalten, desto mehr wurde ich kontrolliert. Ich hatte über nichts die Kontrolle, sie wurde mir abgenommen. Aus diesen Gründen gab es immer sehr viel echt schlimmen Streit. Also.. irgendwie einen Zusammenhang müsste es da ja auch geben.

Und dann eben noch das, was ich vor ein paar Tagen erwähnte. Dass die Angst bewirkt, dass ich mir um nichts schlimmeres Gedanken machen muss.
Ein Familienmitglied, welches mir sehr, sehr wichtig ist und zu dem ich eine sehr intensive emotionale Beziehung habe, ist sehr krank, schon seit ich denken kann. Eine Krankheit, die in vielen Fällen tödlich endet. Ich habe viel Leid dieses Familienmitglieds mitbekommen. Vielleicht ist die Angst vor dem Erbrechen nur (zusätzlich zu den anderen Sachen) auch eine Methode, nicht darüber nachdenken zu müssen, was wäre wenn diese Person denn wirklich sterben würde. Dazu kommt meine unsichere Zukunft. Wenn ich Angst habe, muss ich mir keine Gedanken darüber machen, was später aus mir wird, was ich aus meinem Leben mache.
Warum diese Erklärung etwas passen würde: Seit wir vor zwei Monaten ein neues Kätzchen bekommen haben, was direkt krank wurde (Giardien), wurde meine Angst schlagartig sehr viel schlimmer. Dazu, dass dieses Kitten krank war, kam ja auch noch, dass meine geliebte Katze sehr krank wurde. Je schlechter es dem kleinen ging, desto schlimmer schien meine Angst zu werden.


Das sind alles so Punkte, die mir gerade im Kopf rumschwirren. So richtig zusammenfügen, kann ich das noch nicht. Aber ich befinde mich momentan, glaube ich, auf einem ganz guten Weg. Auch wenn meine Angst momentan wieder bzw. noch ziemlich schlimm ist und ich es teilweise auch noch nicht wieder aus dem Haus schaffe, habe ich es z.B. immerhin selbstständig geschafft, wieder halbwegs normal zu essen. Ich kann mich zwingen, etwas zu mir zu nehmen, auch wenn mir schlecht ist. Ich fordere aktiv (professionelle) Hilfe ein, wo ich sie brauche und habe auch wirklich den Willen zu kämpfen, stelle mich Situationen auch wenn ich eine Panikattacke bekomme und versuche einfach in Bewegung zu bleiben. Ich glaube, ich bin gerade an einem sehr wichtigen, wenn auch sehr schwierigen, Punkt in meinem Leben und im Kampf gegen die Angst. Und so lange ich mich nicht komplett davon lähmen lasse und (mich) aufgebe, bin ich auch recht zuversichtlich.


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